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Terence Stamp als Billy Budd in der Melville-Verfilmung aus dem Jahr 1962 Bild: Picture-Alliance

Melvilles 200. Geburtstag : Oh, hätte ich das geschrieben!

Als der eine starb, war der andere 16 Jahre alt. Doch ihr Aufstieg zu den weltweit bekanntesten Romanciers ihrer Sprache erfolgte gleichzeitig. Zum 200. Geburtstag von Herman Melville: eine Lektüre mit Thomas Mann.

          Die beiden Dichterhäuser sind durch eine Kontinentbreite getrennt, fast fünftausend Kilometer sind es von Pacific Palisades in Kalifornien bis nach Pittsfield in Massachusetts. Gegensätzlicher könnten sie kaum aussehen: das kalifornische ein weit ausladendes Flachdach-Gebäude in den klaren Linien und dem strahlend weißen Putz der Bauhaus-Ästhetik, das neuenglische ein verwinkeltes gelbgestrichenes Holzhaus mit Spitzdach. Für beide aber gilt, was der frühere Bewohner des Dichterdomizils in Pittsfield darüber schrieb: „Wer immer dieses Haus erbaute, er baute besser, als er’s ahnte.“ Ihre jeweiligen Schreibstuben boten den Schriftstellern spektakuläre Blicke: auf den Pazifik in Kalifornien, auf den Mount Greylock in Massachusetts. Wer die Häuser kennt, weiß, warum deren prominente Besitzer ihnen nach dem Auszug für den Rest ihres Lebens hinterhertrauerten. „Das Haus war so ganz das meine“, notierte der Bewohner des Dichterdomizils in Pacific Palisades und nannte das dortige Arbeitszimmer „wohl das schönste, das ich je hatte“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dieser melancholische Satz stammt von Thomas Mann. In Kalifornien lebte er von 1941 bis 1952. Das weit entfernte Heim des anderen Schriftstellers besuchte er nie, obwohl er zu Beginn seines amerikanischen Exils drei Jahre lang in Princeton gelebt hatte, kaum 350 Kilometer entfernt von Pittsfield. Doch Mann kannte damals noch kaum etwas vom Werk des zwei Generationen älteren Kollegen. Als er 1938 in die Vereinigten Staaten kam, hatte er sich für deren Literatur nicht interessiert. Das änderte sich aber während seines insgesamt vierzehnjährigen Aufenthalts, und Anfang 1940 las er noch in Princeton eine amerikanische Erzählung, die damals gerade erstmals ins Deutsche übersetzt und in der Zeitschrift „Corona“ erschienen war – Thomas Mann bevorzugte Lektüren in seiner Muttersprache. Von irgendwelchen tieferen Eindrücken notierte er nichts im Tagebuch, aber den Namen des Autors, wenn auch falsch geschrieben: „Herman Melvil“. Die Erzählung war „Bartleby, der Schreiber“, im Original 1853 publiziert.

          Wie ein Wal: Mount Greylock, auf den Melville beim Schreiben schaute

          Da war Herman Melville, der am 1. August vor zweihundert Jahren in New York geboren wurde, vierunddreißig Jahre alt und hatte seine größten Erfolge zu Lebzeiten bereits hinter sich. Das einsam gelegene Farmhaus in Pittsfield mit dem Blick auf den Berg, der ihn zur Beschreibung des Aussehens eines weißen Wals inspiriert haben soll, musste er 1862 verlassen – wie Thomas Mann war ihm nur wenig mehr als ein Jahrzehnt in seinem Lieblingshaus vergönnt. Als er 1891 starb, war Mann sechzehn Jahre alt, und die Zeiten, in denen Bücher des Amerikaners ins Deutsche übersetzt worden waren, lagen damals mehr als vierzig Jahre zurück. Außerhalb Englands kannte ihn in Europa keiner mehr, und selbst in seiner amerikanischen Heimat war Melville so gut wie vergessen, obwohl er ein paar Jahre lang, kurz vor der Jahrhundertmitte, ein Bestsellerautor gewesen war mit Büchern, die heute wiederum niemand mehr kennt: den beiden Südsee-Reiseschilderungen „Typee“ und „Omoo“, beruhend auf Erlebnissen, die ihr Autor als junger Matrose gemacht hatte.

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