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Arno-Schmidt-Edition : Aufräumer im Netz

Der Schriftsteller Arno Schmidt Bild: dpa

Würde das wandelnde Literaturlexikon Arno Schmidt sein Wissen heute noch so ausbreiten wie früher? Zum 105. Geburtstag des Schriftstellers wird sein Werk ins Netz gestellt.

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          Natürlich kann man sich die Haare raufen über Hass und Unfug im Internet, aber immerhin haben Suchmaschinen und rasch verfügbare Online-Enzyklopädien einer unfassbar lästigen Spezies den Garaus gemacht: Man trifft heute kaum noch auf Bildungsprotzer und Belesenheitsangeber, auf Menschen, die Sätze gern mit Floskeln wie „Hat nicht schon Catull ...“ beginnen und dabei das „u“ derart nasal fragend in die Länge ziehen, dass man nur bockig unterbrechen und „Nein, hat er nicht!“ antworten möchte, was die Sache und vor allem den Umgangston nicht besser macht.

          Heute jedenfalls sind solche Catull-Aussagen mit einem Blick aufs Smartphone leicht zu treffen, sie beeindrucken keinen mehr, und es fragt sich, ob ein Autor wie Arno Schmidt, Jahrgang 1914, heute noch seine Lektürefrüchte mit demselben Gestus ausbreiten würde wie damals: beiläufig, nachdrücklich, mit Blick auf die abgelegenen Seiten der Klassiker ebenso wie auf die abseitigen Autoren überhaupt.

          Etwa über James Fenimore Cooper, den „Lederstrumpf“-Autor, den, wie Schmidt so aus dem Ärmel schüttelt, Scott, Immermann, Hauff, Poe, Stevenson geschätzt hätten, und dann erst Joyce: „Seite 439 Zeile 12 von Finnegans Wake erscheint böttchern der ,Cooper funnymore‘ – selbstverständlich völlig gezwungen & unpassend“, klar, dieser Joyce aber auch, und gut, dass überhaupt jemand dieses unlesbare Buch liest und dem Autor auf die Finger sieht! Oder den Germanisten und Herausgebern, die falsch edieren, zitieren und kommentieren, die Anspielungen nicht verstehen und das dann von Schmidt unter die Nase gerieben bekommen – Arno, der Aufräumer! Der Kämpfer gegen Fake News avant la lettre (und dreiste Erfinder einer Autobiographie des Magisters Tinnius)!

          Nun ist er bald vierzig Jahre tot, und die Stiftung, die in Bargfeld fast ebenso lange schon über sein Werk wacht, hat dessen prächtige Edition nun ins Internet gestellt. Am Freitag, zum 105. Geburtstag Schmidts, wird das Portal um 14 Uhr freigeschaltet (www.arno-schmidt-stiftung.de/eba/). Es liefert erstaunliche Funde (8 Belegstellen für Catull, 29 für Karl Immermann), vor allem führt jede Stelle zur ausuferndsten Lektüre, und ehe man sich’s versieht, hängt man im Netz von „Abend mit Goldrand“. Das Protzen mit Schmidt-Zitaten aber hat jetzt hoffentlich auch ein Ende.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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