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Geburtstag von J.D. Salinger : Hundert Jahre Einsamkeit

J. D. Salinger am Strand. Seine jüngere Schwester Doris hat er verehrt. Bild: INTERFOTO

Am 1. Januar 1919 wurde der amerikanische Schriftsteller J.D. Salinger geboren. In der ersten Lebenshälfte schrieb er den epochalen „Fänger im Roggen“, in der zweiten nur noch für die Schublade. Warum?

          In seiner Autobiographie „Das Leben und das Schreiben“ zählt der amerikanische Schriftsteller Stephen King den Output seiner Kolleginnen und Kollegen auf. Da sei zum Beispiel der englische Krimiautor John Creasey, der fünfhundert Romane geschrieben habe. Sein eigenes Werk rechnet King damals – das Buch ist fast zwanzig Jahre alt – auf fünfunddreißig Romane zusammen, vergleichbar mit dem von Joyce Carol Oates, Dean Koontz oder Ruth Rendell (inzwischen sind es neunundfünfzig geworden). Dann kommt King zu Leuten wie James Joyce und Malcolm Lowry, die weniger als fünf Romane veröffentlicht hätten. Das sei in Ordnung so, aber King frage sich trotzdem: „Wie lange brauchten sie, um ihre Bücher zu schreiben, und was machten sie den Rest der Zeit? Teppiche knüpfen? Kirchenbasare organisieren? Pflaumen vergöttlichen? Klingt wahrscheinlich etwas patzig, aber es interessiert mich wirklich, ehrlich. Wenn Gott einem eine Begabung schenkt, warum, um Himmels willen, nutzt man sie dann nicht?“

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Am 19. Juni 1965 veröffentlicht J. D. Salinger, der Erfinder Holden Caulfields aus dem „Fänger im Roggen“, seinen letzten literarischen Text: „Hapworth 16, 1924“ füllt eine komplette Ausgabe des „New Yorker“ und lässt jene Familie Glass noch einmal aufleben, der Salinger vorher schon mehrere Erzählungen gewidmet hat. Nach dieser letzten, selbst für Fans schwer zugänglichen Story in Briefform wird Salinger der Welt nie wieder einen neuen Text präsentieren. Er stimmt zwar einer Neuausgabe vom „Fänger im Roggen“ zu und gestaltet sogar den Umschlag dafür. Aber ein neues Buch, eine neue Story, ein neues Irgendwas werden bis zu seinem Tod am 27. Januar 2010 nicht mehr erscheinen. Und seither ist auch nichts aus dem Nachlass gefolgt. Vor drei Jahren kamen drei frühe Geschichten heraus, die aber damals schon in Zeitschriften erschienen waren.

          Ein Roman und drei Erzählungsbände zu Lebzeiten, so würde King rechnen, darauf beläuft sich Salingers Bilanz. Was aber hat Salinger in der restlichen Zeit gemacht? Teppiche geknüpft? Kirchenbasare organisiert? Pflaumen vergöttlicht?

          Er hat geschrieben. Er hat geschrieben und geschrieben und geschrieben – nur eben fast die komplette zweite Hälfte dieses Lebens davon nichts mehr aus den Händen gegeben.

          Am Dienstag vor hundert Jahren ist Jerome David Salinger geboren worden. Er hat Geschichten und Figuren erfunden, die weit über sich hinausgewachsen sind, die immer neue Generationen in ihren Bann gezogen haben: Geschichten von hochbegabten, einsamen Kindern (wie den Geschwistern der Familie Glass) oder empfindsamen Outsidern wie Holden Caulfield, Salinger hat süchtig machenden Stoff geliefert, Meisterwerke intellektueller Dissidenz und Ruppigkeit, die zur Schullektüre wurden. Er konnte, was wenige nur konnten, gleichzeitig mit beiden Füßen auf der Straße stehen (Holden sagt „fuck“, so oft er kann, was damals, 1951, noch ein Skandal war) und mit dem Kopf in den Höhen buddhistischer Losgelöstheit stecken. Aber dann war Schluss. Und seither wird die Welt verrückt an diesem Rätsel, wie jemand, dem Gott (und Gott ist ein wichtiger Gesprächspartner im Werk J.D. Salingers) solch eine Begabung geschenkt hat, sie nicht genutzt hat.

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