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Zum 100. Geburtstag von Golo Mann : War so ein Mensch als Kollege wünschbar?

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Golo Mann auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1964 Bild: dpa

Ende der fünfziger Jahre sollte Golo Mann, der diese Tage hundert Jahre alt geworden wäre, an die Frankfurter Universität berufen werden. Doch Theodor W. Adorno und Max Horkheimer wussten das mit geschicktem Intrigieren zu hintertreiben.

          Diese beiden Lumpen!" Es brach aus ihm heraus. Er wisse, was er sage, ergänzte Golo Mann seine Beleidigung, die er 1989 in einem Fernsehinterview gegen die damals schon verstorbenen Begründer der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, vorbrachte. So kannte man ihn gar nicht: Der freundliche, scheue, seine Worte wägende Historiker und Schriftsteller, der mit seiner "Deutschen Geschichte" (1958) und der Wallenstein-Biographie (1971) ein Millionenpublikum damit erstaunt hatte, dass man dem trockenen Stoff der Geschichte so unerhört fesselnde und stilistisch brillante Bücher abringen kann. Und dann diese Entgleisung. In der Tat ist sie nur nachvollziehbar, wenn man die ganze Geschichte kennt, die, nach Jahrzehnten, zum verbalen Ausbruch vor laufender Kamera führte; eine Intrigengeschichte - und die Geschichte einer großen Feindschaft.

          Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Golo Mann kannten sich aus Emigrationstagen in Kalifornien. Horkheimer war direkter Nachbar und häufiger Gast der Manns in Pacific Palisades. Adorno beriet Thomas Mann als musikalischer Experte beim Doktor Faustus. Erika und Katia Mann registrierten missgünstig, dass daraus ein nahes, freundschaftliches Verhältnis entstand, und sorgten später dafür, dass Adornos Rolle in der "Entstehung des Doktor Faustus" nicht zu stark herausgestellt wurde. Golo Mann hielt sich vom eifersüchtigen Tanz um den Thron seines Vaters fern, mochte Adorno aber auch nicht. 1952 nannte er ihn in einem Brief ein "wichtigtuerisches Ekel". Zu Horkheimer bestand bis in die fünfziger Jahre ein freundliches Verhältnis.

          Frankfurter Affäre, erster Akt

          1957 beginnt der erste Akt der "Frankfurter Affäre" um Golo Mann, die in Teilen, mit vielen Widersprüchen behaftet, immer wieder in den vergangenen Jahren öffentlich zum Thema wurde. Der Historiker Otto Vossler setzte sich für ein Extraordinariat für Golo Mann ein, ließ aber von seinem Vorhaben bald ab. Er habe gemerkt, schrieb er Mann, "dass Sie hier Kollegen haben, mit denen zusammenzuleben ich Ihnen wirklich nicht zumuten möchte. Ich habe keineswegs insistiert und glaubte damit in Ihrem Sinne zu handeln." 1960 geht es weiter. Der hessische Kultusminister Ernst Schütte, ein begeisterter Leser der "Deutschen Geschichte" Manns, hätte ihn gern nach Frankfurt berufen.

          Wenig später traf Mann Otto Vossler, der ihm mitteilte, Adorno erzähle, um Manns Berufung zu verhindern, "dirty stories" über ihn, "probably in connection with Dr. Hacker. Which I shall keep in mind" (im Tagebuch). Beim Psychiater Friedrich Hacker war Golo Mann 1952/53 in Behandlung gewesen, nachdem sein damaliger Lebenspartner ihn verlassen hatte, um zu heiraten. Mann geriet daraufhin in eine tiefe depressive Krise. Adorno, ein Freund Hackers, arbeitete just in der Zeit, als Mann auf der Couch des Psychiaters Platz nahm, als Forschungsdirektor der Hacker-Foundation. Jahre später notierte Golo Mann im Tagebuch, Adorno habe sich in Frankfurt, um eine Berufung zu verhindern, über Manns "Sitten", seinen "Lebenswandel" verbreitet ("mes moeurs" heißt es in der französischen Passage).

          Heckmanns Brief

          Herbert Heckmann, ehemals Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, hat nachdrücklich versichert, er habe einmal im Frankfurter Verlagshaus von S. Fischer in kleiner Runde von einem erstaunten Kultusminister Ernst Schütte einen Brief gezeigt bekommen, in dem es hieß, Golo Mann sei homosexuell und damit untragbar als Lehrer der akademischen Jugend. Joachim Fest und Hans-Martin Gauger haben Heckmanns Aussage wiedergegeben, wobei beide sich erinnerten, es habe sich laut Heckmann um einen Brief von Horkheimer gehandelt. Das entscheidende Dokument fehlt: Ein solcher Brief an den Kultusminister, ob von Adorno oder von Horkheimer, ist heute in den einschlägigen Archiven nicht auffindbar. Der Zeuge, Heckmann, starb 1999.

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