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Zum 100. Geburtstag von Golo Mann : War so ein Mensch als Kollege wünschbar?

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Golo Mann selbst schrieb mehrfach, dieser Teil der Intrige gegen ihn, die "Verleumdungen" seien von Adorno ausgegangen, im Tagebuch, in Briefen und auch in einer "Späten Antwort" in dieser Zeitung. Da nahm er 1989 zu seinem Lumpen-Vorwurf Stellung, nachdem sich öffentlicher Protest gegen ihn erhoben hatte. Dass sich die Denunziation auf seine Homosexualität bezogen hatte, sagte Mann öffentlich, anders als im Tagebuch, nicht. In der "Späten Antwort" las man nur ein paar gewundene Hinweise, dass es sich bei dem, was Adorno über ihn in Frankfurt verbreitet habe, "um Psychiatrisches handelte". Wegen einer Depression, "die mit meinem Unterricht zu tun hatte", sei er in Behandlung gewesen. Der Psychiater habe wohl Adorno gegenüber den "Fall" erwähnt. "Warum sollte Adorno nicht ein wenig steigern, was er vor Jahren gehört hatte: ,Manische Depressionen', im Alter möglicherweise das Irrenhaus? War ein so bedrohter Mensch als Kollege wünschbar? . . . Aber das sind bloße Vermutungen."

Revanche an Dorni

Der zweite Akt: ein Racheakt. In der Korrespondenz zwischen Erika Mann und Ludwig Marcuse finden sich seit dem Dezember 1960 Hinweise "in Sachen Dorni". "Minütlich harre ich", schreibt Erika Mann, "des orkanmässig losbrechenden Skandals und minütlich werde ich enttäuscht! Ist der Mann zu mächtig, als dass man ihm an die Karre könnte?" Marcuse hatte Erika Mann von Schriften Adornos aus den ersten Hitlerjahren informiert, in denen Adorno in der Zeitschrift "Musik" zum Beispiel das Verbot des "Negerjazz" begrüßte. In einem anderen Artikel verriss Adorno die Operette eines jüdischen Komponisten mit dem Hinweis auf ihren "Serenissimus-Humor, der vor dem Ernst dessen, was heute in Deutschland geschieht, anders als zynisch nicht genannt werden darf". Schließlich hatte Adorno 1934 Männerchöre gelobt, die vertonte Gedichte von Hitlers Jugendführer Baldur von Schirach sangen, wobei Adorno auf eine neue Romantik verwies, "die Goebbels als ,romantischen Realismus' bestimmt hat".

Da Ludwig Marcuse es nicht wagte, die Selbstgleichschaltung Adornos zum öffentlichen Thema zu machen, brachte Erika Mann ihren Bruder ins Spiel. Golo sei "nur zu eager, Dornis Schande an die grösstmögliche Glocke zu hängen". Marcuse besorgte die Texte Adornos aus der "Musik", und Golo Mann schickte sie im April 1961 einem Bekannten, Erich Lissner, Redakteur der "Frankfurter Rundschau": Ob nicht seitens Lissners und seiner Zeitung die Bereitschaft bestünde, "einen zentralen Angriff gegen Adorno zu führen"? Wenig später informierte er Erika über den Stand der Dinge. "In Sachen Adorno. Ich telegraphiere heute an Lissner, der zuerst Feuer und Flamme war, nun aber seit Wochen schweigt, möglicher Weise, weil er nun doch nicht will, in Anbetracht der göttlichen Ehren, die A. in Frankfurt genießt."

Erika Manns ironischer Brief zum „Affärchen“

Lissner wollte wirklich nicht. Er schrieb an Golo Mann, er habe für die "Bonbons" sehr zu danken, "die nur leider bei genauer Betrachtung zu wenig hergeben, um sie zum Knallen zu bringen. Feigheit werden Sie mir nicht vorwerfen - wir hätten gerade hier gern etwas alle miteinander gewagt, wohlwissend, dass wir hier eine Stadtgottheit, ja eine bundesrepublikanische, angriffen - aber dann sollten wir doch noch ein paar bessere Handhaben besitzen." Den Brief schickte Golo Mann seiner Schwester zum Beweis, dass da nichts zu machen sei. "Never mind the reasons; die, die er gibt, glaube ich eher nicht, er war selber zuerst enthusiastisch, aber die Redaktion wird sich fürchten." Lissner bat er, ihm die Textkopien zurückzusenden. "Sachlich war ich übrigens nicht Ihrer Ansicht; die Dinge beweisen doch, dass unser Freund so lange mitmachte, wie er irgend konnte, woraus zu schließen wäre, dass er auch länger mitgemacht haben würde, wenn er gekonnt hätte. Ist das nicht eine ganze Menge? Aber selber so urteilend, achte ich die Urteile anderer Leute. Erledigt."

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