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Bücher von Botho Strauß : Am Geliebten zweifeln, um mit ihm zusammen zu bleiben

  • -Aktualisiert am

Der Schriftsteller Botho Strauß. Bild: Ruth Walz

Der Szenograph: Im Prosaband „zu oft umsonst gelächelt“ und dem Drama „Saul“ sucht Botho Strauß nach den letzten Dingen. Vor allem nach dem Wesen der Liebe.

          6 Min.

          Fast vier Dekaden zählt jener rätselhafte Satz nun, demzufolge jede Liebe „in ihrem Rücken Utopie“ bildet. Nachzulesen ist er im Prosaband „Paare, Passanten“ (1981) des damals siebenunddreißigjährigen Botho Strauß. Verstanden werden kann er als Diagnose einer produktiven Enttäuschung. Das Glück einer Partnerschaft bleibt jenem Moment vorbehalten, in dem die Liebe noch nicht vergesellschaftet ist. Danach zergeht das Privileg des einmaligen Du in einem Kaleidoskop von Rollen, angetrieben von der Utopie der Intimität.

          Dass man sich im anderen wiederzufinden vermag, dass es diesen einen ungezwungenen Moment gibt, weil es ihn doch einmal, am Grund der Liebe, gegeben haben muss – hierin besteht, folgt man diesem Text, die erste Täuschung, mit der wir leben. Wäre es wirklich Liebe, und bliebe es Liebe, dann wäre sie gefährlich, eine echte soziale Bedrohung. Unsere Realität jedoch sind „Beziehungen“, unriskante Spielweisen der Zweisamkeit. Selbst und gerade der Sex birgt lediglich den Schein einer Individualerfahrung: Auch in der völligen Hingabe an die andere entkommen wir „den Formen nicht, den Werten, den Regeln, der totalen Kultur“. Die Erfüllung liegt stets schon hinter uns.

          Achtunddreißig Jahre später fällt Botho Strauß den Liebenden nun abermals in den Rücken. Ein „stolzer Rücken, um nicht zu sagen: eitler, eingebildeter Rücken“ ist es, sein Besitzer ein „gemachter Mann“, der seiner Wege zieht, im Fortgehen Blicke heischend. Doch sein Rücken trügt ihn: Da ist niemand mehr. „Keiner schaut ihm nach“, so heißt es. Kein verblichenes Wir, kein Schmerz, keine Großmut zeigt sich diesem Erzählen, wenn es den Kopf wendet. Nur einer, der sich davonmacht. Das Ende von „zu oft umsonst gelächelt“, Strauß’ jüngstem Prosaband, zieht scheinbar eine ernüchternde Bilanz unter den großangelegten, um nicht zu sagen: werkumspannenden Versuch, in jene Sphäre vorzudringen, in der man es dann doch noch einmal mit Subjekten zu tun bekäme, die der Rede wert wären, denen man nachsieht, wenn sie uns verlassen.

          Eine lange Suche liegt hinter Strauß, und ihre Stationen kehren in „zu oft umsonst gelächelt“ wieder. Das betrifft nicht nur die „Passanten“ des Paarlaufs. Auch der „Kuss des Vergessens“ (1998) wird noch einmal als „kaltes Mal“ der Gleichgültigkeit einem Mann auf die Lippen gedrückt, man begegnet noch einmal Odysseus und Penelope und gastiert gedanklich mehrfach in „Ithaka“ (1996) – und dass „Der junge Mann“ (1984) Leon Pracht viel mit dem „alten Romancier“ gemein hat, der 2019 Strauß’ Erzählen moderiert, verrät beider kompositorischer Kummer. Fordert Pracht noch, „endlich den Episodenkram“ zu lassen, um „zu einer großen, bündigen Geschichte“ zu finden, da hat der Romancier sich damit abgefunden, dass ihm von der Welt, von „Mann und Frau, von Gott und Mensch“ nichts „als nur die Episode“ bleiben wird.

          Jener konsequente Verzicht auf den geschlossenen Bogen war schon immer das Kernelement von Strauß’ Poetik, an dem sich die Geister schieden. Seinen Kritikern blieb das Bekenntnis zum literarischen Streunen das Einfallstor des Irrationalen und der Parareligiosität; der ihm zugeneigten Leserschaft hingegen vielleicht genau dasselbe – doch belehnte sie ihre Lektüreerfahrung mit anderen Namen. Einen „Griff nach dem Unvermuteten, Entschiedenen“, ja: „Radikalität“ attestierte ihr Rainald Goetz 1981 – im vollen Bewusstsein, dass im Unvermuteten auch ideologische Untiefen lauern. Die Abkehr von der Ideologiekritik, der Entschluss, fortan „dümmer“, ohne Dialektik weiterdenken zu müssen, wie ihn „Paare, Passanten“ in der Erinnerung an Adornos letzte Tage in Venedig beschwört: Natürlich lässt sich das als Durchbrechen einer zur Routine erstarrten Aufgeklärtheit, als eine im gespaltenen Gestus dem Punk gar nicht mal so unähnliche Kritik an 1968 lesen. In ihr beschlossen liegt freilich auch die Ambivalenz amoralischer Moralität, die Lust an der Publikumsverstörung, die dann in die sich offen „rechts“ deklarierende Modernekritik des „Anschwellenden Bocksgesangs“ (1993) mündet.

          Indessen liegt die Wahrheit dieses Werkes eben – das bekräftigt „zu oft umsonst gelächelt“ – im Episodischen, in der Szene. Vor allem anderen war Botho Strauß immer ein Szenograph. Nicht der Entwicklung der Charaktere, sondern ihrer Situierung gilt die ganze Aufmerksamkeit. Die Privilegierung der Szene, das stete Durchspielen sich ähnelnder, aber nie identischer Konstellationen von Anfang bis Schluss bewirkt dabei zweierlei. Zum Ersten steckt in der szenischen Beschränkung bereits das Urteil: Liebe, wie sie bei Strauß erscheint, erweist sich als die Deformation des Menschen durch das Arrangement des Paares, als „bis zum Eklat des Humanums“ ausgetragener Konflikt. Jede Partnerschaft ist Szene, von Wolframs Sigune und Schionatulander bis zu Anita Keul und ihrem EDV-Techniker. Nicht immer enden diese Szenen im „Höllensturz“, in der abgelaufenen „Stunde der Versuchung“, im „Grauen, das eine Frau irgendwann ergreift vor ihrem Mann“. Bisweilen gestaltet sich der Liebeszerfall auch humoresk, wenn etwa zwei Menschen nebst unehelich gezeugtem Kind während einer Busfahrt die Debatte über die anstehende Scheidung in einen Rausch schlüpfriger Zweideutigkeiten verwandeln.

          Botho Strauß: „zu oft umsonst gelächelt“. Hanser Verlag, München 2019. 160 S., geb., 22,– .
          Botho Strauß: „zu oft umsonst gelächelt“. Hanser Verlag, München 2019. 160 S., geb., 22,– . : Bild: Hanser Verlag

          Zweitens erlaubt die Szene die Verwandlung des Alltags in ein Artefakt. So sehr wir in der Szene auch Spuren einer reflexhaften, naturgegebenen Imagination und Interpretation vermuten, so unzweifelhaft ist es zugleich, dass jede Szene gemacht ist, also eine Poetik besitzt. Strauß nutzt die Szene, um die Liebe auszuleuchten, das Tempo zu drosseln, das Geschehen fast anzuhalten und sich gründlich umzusehen. Wenn diese Leute Utopien weder vor noch hinter sich wissen dürfen – was liegt dann eigentlich zwischen ihnen?

          Hier, im analytischen Sondieren „ausgestorbener Liebesarten“, liegt die eigentliche Stärke dieser Texte. Was uns zusammentreibt und bisweilen auch zusammenhält, das erweist sich erst im Widerstreben, im Zweifel am anderen. Sinn – das konnte man ebenfalls schon in „Paare, Passanten“ lernen – ergibt sich erst aus der Bewegung, selbst wenn diese Bewegung in die Gegenrichtung weist. Und so ist Strauß auch gewillt, in der Wiedererkennungsszene zwischen Penelope und Odysseus „das lang hinausgezogene, lang ausgekostete Vermuten“, die „Täuschungen und Enttäuschungen“ der Trennung Schicht für Schicht freizulegen, um dabei zu jenem Moment vorzustoßen, der die Menschen einander verpflichtet. Sacht sinken die „Hüllen des Vergessens“, und erst dann, aus der Tiefe der Kulisse, ergreift die Liebenden dann doch etwas, das nicht benennbar ist und das auch dort bleibt, wo man nicht mehr aneinander festhält.

          Botho Strauß: „Saul“. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 96 S., geb., 20,– .
          Botho Strauß: „Saul“. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 96 S., geb., 20,– . : Bild: Rowohlt Verlag

          Das Spiel mit dem Numinosen – Strauß’ Prosa nimmt es sehr ernst. Auch dort, wo sie sich über das Hingeworfene städtischer Sexualität mokiert, hält sie dennoch an Mallarmés Wort fest, dass wir nur die traurige Undurchdringlichkeit unserer zukünftigen Schemen sind. Mit den Schemen lässt sich arbeiten, von ihnen erwartet dieser Erzähler viel, wenn nicht alles. Ihnen gehören die Szenen, die intimen wie die historischen. Auf sie arbeitet die Dichtung hin, auf die „tiefen Bilder“, nach denen sich Strauß’ Romancier sehnt und die „Herrscher sein“, dem „Großen Spuk“ ein Ende bereiten sollen, kein fernes Echo, sondern die direkte Fortsetzung des Aufstandes gegen die sekundäre Welt. In der Szene findet man im Zweifel auch den Strauß’schen „Heilshorizont“, für den in den westlichen Demokratien kein Platz mehr sei, findet man die „schöne Eschatologin“, die weiß, dass der Mensch nur etwas fühlt, wenn er „aufs Ende fühlt“ und die der „profanen Eschatologie“ des „Bocksgesangs“ gegenübergestellt ist.

          Und so kommt jener zweite Text ins Spiel, „Saul“, das Drama, das Strauß seinem Prosaband zur Seite gestellt hat. In Szene gesetzt wird dort die Biographie des ersten Königs der Israeliten, wie sie auch im ersten Buch Samuel nachzulesen ist. Die verschwundene Liebesutopie von „zu oft umsonst gelächelt“ tauscht das Stück für ein theopolitisches Problem ein. Mit Saul endet die im Gideonspruch des Richterbuches begründete Theokratie. Die weltliche Herrschaft über Israel hebt an – und bleibt von da an immer eine Verlustrechnung. In einem seiner wenigen stringent argumentierenden Texte, dem „Königtum Gottes“ (1932) hat Martin Buber das Paradoxon, keinen Herrscher einzusetzen, um den höchsten Herrscher – Gott – regieren zu lassen, als die Eröffnung eines „Zwiegesprächs von fragender Gottheit und antwortversuchender Menschheit“ verstanden, ein „Zwiegespräch, dessen Gefragtes ein Eschaton ist“. Wohlverstanden: Das Absolute sucht seine politische Verwirklichung durch den Menschen, der Mensch versucht dem Folge zu leisten, gerade indem er die politische Verantwortung von sich weist.

          Strauß’ „Saul“ markiert die Aufkündigung dieses Gespräches, geboren aus der Selbstüberschätzung einer siegreichen Kriegsnation. Auch Saul, auch sein Volk baut die Utopie im Rücken. Der König ahnt, dass Gott ihn nicht eingesetzt hat, um ihn reüssieren zu lassen, sondern um ein Exempel zu statuieren. „Gottes falsche Wahl“ sei es gewesen, die ihn fasziniert hat, schreibt Strauß im Anhang. Erneut ist es die Gegenstrebigkeit, aus der er seinen Stoff entfaltet und auf der auch die Tragik Sauls beruht: Gott wählt den falschen Kandidaten, weil Israel wissen soll, dass das Gespräch von den letzten Dingen beendet wurde und zugleich doch niemals enden wird, mag es sich noch so viele Könige erküren, bessere als Saul. Das „davidsche Königtum“, sinniert die schöne Eschatologin in „zu oft umsonst gelächelt“, ruht auf dem Traum der „Wiederherstellung von allem“. Es erscheint bei Strauß am Horizont als ein jüdisches Ithaka – und so müssen sowohl das Ende Sauls wie Davids Beginn Szene werden. Der eine, der Verworfene, dessen Frevel in der „Unlust zu töten“ bestand, tritt ins Dunkel zurück. Der andere, der Gottesgünstling, steigt ohne eigenes Zutun empor.

          Botho Strauß: „zu oft umsonst gelächelt“. Hanser Verlag, München 2019. 160 S., geb., 22,– .

          Botho Strauß: „Saul“. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 96 S., geb., 20,– .

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