https://www.faz.net/-gr0-98f9k

Zum Tod von Michael Rutschky : Der famose Herr Rutschky

  • -Aktualisiert am

„Sie glauben also nicht an die Theorie, daß Baader, Ensslin und Raspe ermordet worden sind?“

„Nein, die haben sich selber umgebracht“, sagte Herr Rutschky. „Und das würde sie ehren – wenn sie auf die Trickserei mit dem Mordkomplott verzichtet hätten...“

Als Kathrin und ich frühstückten, führte Herr Rutschky uns eine Videokamera vor, die er sich geliehen hatte. Dieses Spielzeug machte ihm Freude, während mich wahrscheinlich schon die Bedienungsanleitung um den Verstand gebracht hätte. Und ich dachte schaudernd an meine mißlungenen Super-8-Filme zurück...

In der S-Bahn verfielen wir darauf, ein Lügensonett über Herrn Rutschky zu schreiben. Die Anfangszeilen hatte Kathrin schon im Kopf:

Herr Dr. Rutschky geht in Samt und Seide.

Er kämmt und wäscht sich nicht, rasiert sich nie...

„Und wie geht’s weiter?“

„Das Haar hängt lang und wirr ihm bis zum Knie“, schlug ich vor, und Kathrin ergänzte die vierte Zeile:

So sitzt er da, im üppichten Geschmeide.

Vier Stationen später stand auch die zweite Strophe:

Der ganze Mann ist eine Augenweide.

Durch seinen Bart springt steil das Filzlausvieh.

Sein Zahnstein hat noch ein Jahr Garantie,

Bei seinem Schneider steht er knietief in der Kreide.

Ein Wort gab das andere.

„Jetzt schlägt er seine Frau, küßt seinen Hund...“

„Dann schreibt er Bücher, aber lauter Schund...“„Die Zähne seiner Katze werden länger...“

„Genau! Dann könnte die letzte Zeile lauten: Das Abendessen bringt der Hundefänger.“

„Warschauer Straße“, sagte Kathrin. „Müssen wir hier nicht umsteigen?“

Am Sonntagmittag spazierten Kathrin und ich zu einem Flohmarkt, auf dem ich mir wieder ein Dylan-Bootleg sichern konnte: „Stuck Inside of New York“. Ein Konzert aus dem Oktober 1988. Für eine Sammlung aller Dylan-Bootlegs hätte man vermutlich eine ganze Lagerhalle gebraucht.

Ja, und dann bei einer Tasse Kaffee gemeinsam das nächste Sonett dichten: So ließ es sich gut aushalten, das Leben.

Frau Dr. Rutschky frönt dem Kettenrauchen

Schon vor dem Frühstück, das aus Schnaps besteht,

Aus Fisch und Frolic, „wegen der Diät“. Die Katze hört man rauh vor Hunger fauchen...

Und so weiter bis zu den Terzetten.

Beim Lesen fährt ihr Finger auf der Zeile,

Im Eintopf rührt sie mit der Nagelfeile,

In Lockenwicklern geht sie mit dem Hund.

Es gab einen kurzen Streit über das Reimschema – ccd ccd oder ccd eed? –, aber den legten wir schnell bei.

Der Hund heißt „Blech“, die Katze heißt „das Frettchen“.

Sie schlafen rechts und links von ihr im Bettchen ...

„Jetzt brauchen wir noch eine zehnsilbige Schlußzeile mit einem Reim auf -und“, sagte Kathrin.

„Frau Rutschky wiegt zweihundertfünfzig Pfund.“

„Top!“

Obwohl das Dichten mit Kathrin ein Kinderspiel war, fragte sie sich ständig, was sie mal werden solle.

„Wieso denn nicht Schriftstellerin?“

„Dafür bin ich nicht eitel genug“, sagte sie.

Am Montag entschied Kathrin sich für ein vorübergehend freies Zimmer in Moabit in der Wohnung des Vaters eines ehemaligen Mitschülers von ihr. Die Wohnung stand größtenteils leer, weil der Vater, der ein Rechtsanwalt war, aus Wendegründen in irgendeiner ostdeutschen Kleinstadt zu tun hatte. „Das ist ein Durchgangszimmer, in dem unter anderem eine monströse grüne Couchgarnitur steht, aber es ist riesig und kostet nur hundert Mark...“

Die Glückliche! Und wohin mit mir?

Über die Mitwohnzentrale Domicil fand ich am Dienstag ein Zimmer in der Leuthener Straße in Schöneberg. Achtzehn Quadratmeter, Kachelofen, dritter Stock, sofort beziehbar, für stolze 600 Mark im Monat. In der Wohnung hauste eine arbeitslose Frau namens Annika mit zwei Kindern, einem sechsjährigen Jungen und einem anderthalbjährigen Mädchen. Das Zimmer sei bis Ende November frei, sagte sie.

Ein Bett stand schon drin.

Wir wurden handelseinig. Mitte Oktober wollte ich einziehen, und dann sollte dieses Zimmer das Sprungbrett sein, über das ich zu einer besseren Unterkunft finden würde.

„Die Waschmaschine kannst du aber nicht mitbenutzen“, sagte Annika. „Die brauch ich zu oft...“

Sie wirkte etwas verhärmt, und sie blickte einem nicht in die Augen, aber ich wollte sie ja nicht heiraten, sondern nur für kurze Zeit ihr Untermieter sein.

„Dann dürfen wir Ihnen beiden ja gratulieren“, sagte Herr Rutschky, und seine Frau rief von hinten: „Sie gehören in die Großstadt! Und nicht nach Regensburg oder Heidmühle!“

Der Text ist ein Vorabdruck aus Gerhard Henschels „Erfolgsroman“, der im kommenden Herbst beim Verlag Hoffmann und Campe als nächster Teil des bereits sieben Bände umfassenden autobiographischen Martin-Schlosser-Zyklus erscheinen wird.

Weitere Themen

Wer ist der Mensch hinter „Der Herr der Ringe“? Video-Seite öffnen

Filmkritik „Tolkien“ : Wer ist der Mensch hinter „Der Herr der Ringe“?

Im Biopic „Tolkien“ erfährt der Zuschauer, woher der Schöpfer von „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ seine Ideen für die weltbekannten Mittelerde-Romane nahm. Tilman Spreckelsen hat den Film bereits gesehen – und ist nicht ganz überzeugt.

Topmeldungen

Mordfall Lübcke : Die Falle der AfD

Die AfD ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Die Krokodilstränen über den Tod eines Repräsentanten des „Systems“, das sie aus den Angeln heben will, kann sie sich sparen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.