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Zu Besuch bei Michael Köhlmeier : Mörder, die wir lieben

Im Blick des Geschichtenerzählers: Michael Köhlmeier lässt Phantasie auf Wirklichkeit prallen Bild: picture alliance / dpa

Eine Begegnung im Dschungel von Hohenems mit Michael Köhlmeier und den wundersamen Figuren aus seinem neuen Roman „Die Abenteuer des Joel Spazierer“.

          6 Min.

          Es ist weit nach Mitternacht, und die wilden Tiere des Dschungels schauen argwöhnisch zu uns herüber. Krokodile, Tiger und Schlangen, die im Halbdämmer unter Blättern und Ästen hervorlugen. Ein Dinosaurier kriecht am Boden, in der Ecke steht eine afrikanische Trommel. Geisterstunde in den Tropen? Nicht ganz. Wir sitzen im Wohnzimmer von Michael Köhlmeier.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Draußen stapelt sich der Schnee. Drinnen biegen sich exotische Pflanzen unter der Last ihrer Blüten. Es ist eine ganz eigene Welt, die sich die Köhlmeiers in ihrem Haus in Hohenems, nahe dem Bodensee, geschaffen haben. Kuschelig, warm, gerade jetzt, da die frostkalte Landschaft Vorarlbergs unter dem Schnee erstarrt ist. Ein Paradiesgärtlein gewissermaßen, ein Himmel auf Erden. Wir aber reden über den Tod, die Lüge, über Moral. Und darüber, wie Ideologien die Menschen beschädigen und worum es sonst noch so geht in seinem jüngsten Roman, der heute erscheint: „Die Abenteuer des Joel Spazierer“.

          Wien könnte ferner nicht sein

          Das Wohnzimmer kannte ich natürlich schon. Aus Köhlmeiers Buch „Idylle mit ertrinkendem Hund“, einem der traurigsten und tröstlichsten Stücke der Literatur, das den größten Schmerz, den Verlust eines Kindes, in Zartheit verwandelt. Da beschreibt er diesen Dschungel. Aber muss man deshalb gleich glauben, dass es ihn wirklich gibt? Erschaffen hat das kunstvolle Arrangement aus echten und künstlichen Blumen voll mit hölzernen Tieren und geheimnisvollen Figuren seine Frau Monika Helfer, die ebenfalls Schriftstellerin ist. Das ganze Haus, Köhlmeiers Elternhaus, in dem er fast sein ganzes Leben verbracht hat, verwandelte sie in ein Gesamtkunstwerk. Die Wände sind über und über mit Bildern und Fotografien, aber auch Puppen, Zeitungsausschnitten und Andenken behängt. Ein magischer Ort, an dem wiederum die magischen Bücher des Michael Köhlmeier entstehen. Aber selbst jetzt, da wir hier sitzen, macht es den umgekehrten Eindruck: dass nämlich das Zimmer einem der Bücher entsprungen ist.

          Es ist ein vielfältiges OEuvre, das der 1949 in Hard am Bodensee geborene Autor mittlerweile vorlegen kann, seit er 1982 mit dem Roman „Der Peverl Toni und seine abenteuerliche Reise durch meinen Kopf“ debütierte. Er verfasste Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher, schrieb Erzählungen, Novellen und Romane. Einerlei, ob er sich für die lange oder die kurze Form entschied, immer war er ein erzählender Arrangeur, der die Details nicht aus dem Blick verlor - nicht einmal in den Novellen, die man in einem Atemzug verschlingt. Dass ihm dabei jedes Pathos fremd ist, er so unprätentiös spricht, wie er schreibt, liegt gewiss auch an seiner Herkunft.

          “Sehr trocken und sehr nüchtern sind die Leute von hier“, sagte Köhlmeier, noch bevor wir auf den roten Samtsesseln inmitten des Urwalds Platz nahmen, fast so, als wollte er sich schon einmal vorab für ein schleppendes Gespräch entschuldigen, das es natürlich nicht wird, und fügt an: „Doch wenn es ernst wird, bewahren wir kaltes Blut.“ Allemannisch eben. Die Schweiz ist nur einen Steinwurf weit weg. Wien und seine ganze prächtige k.u.k. Welt könnte ferner nicht sein.

          Verneigung vor dem Schelmenroman

          Dass Köhlmeier ein virtuoser Geschichtenerfinder ist, ein Erzähler wie aus vergangenen Zeiten, wissen wir seit seinen legendären Nacherzählungen antiker und klassischer Stoffe, von Homer über die Bibel und die Nibelungensage bis zu Shakespeare. Doch auch im zwanglosen Plaudern knüpft er ein dichtes Gewebe aus Binnengeschichten, das zu immer neuen, oft überraschenden Wendungen führt. Fast meint man, dass so, wie er unsere Unterhaltung dramaturgisch komponiert, er sich redend vorwagt, um erst später eine fast vergessene Frage doch noch zu beantworten, und die Art, wie er sich lustvoll in die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden hineinschraubt - dass sich darin tatsächlich die verborgene Mechanik seiner Romane offenbart: diese raffinierte Dramaturgie des Vor- und Zurückspringens, die, scheinbar keiner Chronologie folgend, stets spannend und bewegend bleibt. Köhlmeiers Romane sind wie Mobiles, deren Reiz darin besteht, dass ihre unterschiedlich langen und unterschiedlich schwer behängten Arme trotz steter Bewegung harmonisch zueinander stehen.

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