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Wolfsburg zeigt Rudolf Steiner : Ordnungssinn ist abzulehnen

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Wissenschaft als Mysterienspiel und Gesamtkunstwerk: Zwei Wolfsburger Ausstellungen weisen Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie, einen neuen Ort in der Kulturgeschichte zu.

          Im Jahr 1892 füllte Rudolf Steiner, der damals die Theosophie kennenlernte und zwanzig Jahre später die Anthroposophie begründen sollte, einen Fragebogen aus. Wir erfahren, was er unüberwindlich ablehnt: „Ordnungssinn“; woraus sein Temperament besteht: „Wandelbarkeit“; und wer er gerne wäre, wenn nicht er selbst: „Friedrich Nietzsche vor dem Wahnsinn“. Die drei letzten Worte waren ihm offenbar nicht sofort eingefallen, aber so wichtig, dass er sie in kleinerer Schrift dahinter quetschte. Welch eine Ironie, dass ihn die Nachwelt vor allem als Begründer einer Lehre voll mystisch-wirren Ordnungssinns kennt.

          Dazu nahmen seine Anhänger den wild wuchernden Worten des Meisters mittels einer 350 Bände umfassenden Gesamtausgabe auch noch die Wandelbarkeit. Ihn selbst jedoch haben seine Texte über den Augenblick hinaus nicht interessiert; Mitschriften mochte er nicht einmal durchsehen. Die vielen tausend Vorträge, die eklektisch zugreifen auf Spiritismus, Gnosis, Idealismus und auf alle damals - wie heute wieder - beliebten esoterischen Abkürzungen am mühsamen Denken vorbei, waren nie als jenes Werk gedacht, das die Beschäftigung mit Steiner heute bleischwer bedrückt. Es handelte sich eher um so etwas wie Stand-up-Okkultismus, einen ultraspätromantischen Poetry Slam: Wissenschaft der Form nach, an sich aber Mysterienspiel und Gesamtkunstwerk.

          Die erste Retrospektive zum Gesamtwerk des Lebensreformers

          Fünfundachtzig Jahre nach Rudolf Steiners Tod will man ihn aus der Geiselhaft seiner eigenen Quasitheologie befreien: „Steiner gehört nicht den Anthroposophen allein“, sagt Markus Brüderlin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg und Kurator der Ausstellung „Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart“. Mateo Kries pflichtet bei, schätzt Steiners Werk als Phantasmagorie. Er ist Kurator der ebenfalls in Wolfsburg gezeigten Schau „Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags“ des Vitra Design Museums aus Weil am Rhein und verantwortet damit die erste Retrospektive zum Gesamtwerk des Lebensreformers.

          So baut der Meister: Das  Goetheanum im schweizerischen Dornach

          In Wolfsburg wird Steiner - der Philosoph Paul Virilio nennt ihn einen Renaissancemenschen - als Designer entdeckt. Zentrum der kulturhistorischen Ausstellung sind Steiners erdverwachsene Architekturen, welche gut holistisch auch die Innengestaltung bis zum Mobiliar umfassen. Rund vierzig architektonische Modelle und mehr als vierzig Möbelstücke - mal gewagt geschwungen, mal resolut gezackt - sind zu bewundern: Allein dies würde genügen, um in den Olymp der großen Gestalter aufgenommen zu werden. Dabei wird deutlich, wie sehr Steiner einerseits ein Kind seiner Zeit war, organische Formen des Jugendstils ebenso aufnahm wie scharfkantige Geometrien des späten Expressionismus, andererseits aber singulär in der Überzeichnung des Schwellenden und Gebrochenen ins Gigantische. Selten hat sich wohl ein solch grenzenloser Formwille dem Material eingedrückt.

          Alle Bewegungen sollten den Zirkel des Lebens abbilden

          Das eindrucksvolle Zentrum dieses Kosmos bilden das erste und das zweite Goetheanum im schweizerischen Dornach, die am ehesten noch mit den Entwürfen Gaudís vergleichbaren, aber auch wieder phantastisch neogotischen Bauten für das eigene Mysterientheater. Doch ging es Steiner um das Lebensdesign insgesamt. Alle Bewegungen sollten derselben Ur-Choreographie folgen, den Zirkel des Lebens abbilden. Damit kam es zur nachhaltigen Reform von Ballett, Pädagogik, Religion, Landwirtschaft, Kosmetik und Medizin. Auch in Malerei und Bildhauerei versuchte sich der Astralgelehrte, allerdings hier nur kryptochristlichen Kitsch produzierend.

          Die Idee vom Kosmos als umgestülptem Menschen

          Die formale Verwandtschaft des ersten Goetheanums (Bau ab 1913) mit Erich Mendelsohns Einsteinturm (Bau ab 1919) ist frappant. So direkt, wie behauptet, dürfte der Einfluss jenseits der Jüngerschaft allerdings nicht sein. Zaha Hadid, Peter Cook, Gregory Burgess oder Eero Saarinen brauchen für ihre geschwungenen Architekturen kaum den Rückgriff auf Steiners Idee vom Kosmos als umgestülptem Menschen. Dennoch muss in dessen wirkmächtiger Propaganda fließender und auskristallisierender Formen wohl eine der mentalen Unterströmungen modernen Bauens und Gestaltens gesehen werden. Ihn in dieser Weise neu in der Kulturgeschichte verortet zu haben, darin besteht das große Verdienst dieser Ausstellung.

          Die in der Planung später hinzugekommene Schau vom Kunstmuseum Wolfsburg, die den Blick von der modernen Kunst zurück auf Steiner wirft, hat es ungleich schwerer. Natürlich gibt es die direkten Bezugnahmen von Kandinsky, Mondrian oder Beuys. Die Installation „Basisraum nasse Wäsche“, die Beuys 1979 schuf, wirkt mit ihren drei langen Blechrinnen, einem kosmisch verdichteten Wäsche-Seife-Klumpen und einer Tischtafel mit der Seifenformel gar wie ein Nachbau einer der vielen abstrusen Wandtafelzeichnungen des Meisters, die in Wolfsburg als Bindeglied zwischen den beiden Ausstellungen fungieren.

          Dürftige Wandtexte

          Bekennende Filiationen aber sind wenig interessant. Wie die Anthroposophie im Verborgenen auf die Kunst wirkte, ob und wie sie etwa an der Überwindung des Symbolismus teilhatte, ist nicht leicht nachweisbar. Trotz sinnfälliger visueller Parallelen, was etwa die organischen Formen von Tony Craggs Wulstskulpturen angeht (früher anthroposophischer Steiner) oder die kristallinen Formen Helmut Federles (später anthroposophischer Steiner), eine inhaltliche Verbindung jenseits von Allgemeinplätzen (Tony Cragg: „Was uns fehlt, ist der Gesamtsinn“) lässt sich selten erkennen.

          Die Umrechnungen naturwissenschaftlicher Daten in Lichtspiel (Carsten Nicolai), in Wachsverläufe (Spencer Finch) oder in Tanzbewegungen (Simon Dybbroe Møller) haben nichts mit dem anthroposophischen Monismus zu tun, sondern demonstrieren lediglich eine Neigung der Gegenwartskunst, sich an die Wissenschaft anzubiedern. Um so hemmungsloser toben sich die zugehörigen Wandtexte aus, sprechen brachialrhetorisch von Osmosen des Kollektiven und Individuellen, des Negativen und Positiven, des Sichtbaren und Unsichtbaren, Natur und Geist - das ist denn doch zu dürftig.

          Formale Parallelen in der Gegenwartskunst?

          Die Ausstellung tritt damit letztlich vielmehr den Beweis an, dass sich die Kunst der Gegenwart für das Heilsdenken Steiners überhaupt nicht interessiert. Viele der Künstler nutzen denn auch die Kataloginterviews, um vage auf formale Parallelen hinzuweisen, sich von der Anthroposophie selbst aber zu distanzieren. Selbst Katharina Grosse, deren farbige Raumskulpturen noch am ehesten an Waldorf-Fenstermalereien erinnern, sieht sich von Yoga und Hinduismus beeinflusst, nicht von Steiner.

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