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Wolf Wondratschek ist siebzig : Es schweift der Geist und wird Gestalt

1998 erschienen die „Kelly-Briefe“, emphatische Prosaetüden über die unbedingte Liebe. Mit ihnen beginnt eine bis heute offene Erzählreihe, die Wondratschek bisher über „Mozarts Friseur“ (2002), eine Hommage an Wien, und „Mara“ (2003), eine Hommage an das Cello, bis zur Vater-und-Sohn-Geschichte „Das Geschenk“ (2011) führte, die ob ihrer gelassenen und subtilen Prägnanz gewiss ein Höhepunkt seines Schreibens ist.

Heute wird Wolf Wondratschek siebzig Jahre alt. Und dass heute Mittwoch ist, erklärt den Titel des gerade erschienenen neuen Romans damit auch zur Genüge: „Mittwoch“ ist ein mit leichter Hand und viel Fabulierlust geschriebenes Geschenk des Dichters an sich selbst, an dem er uns, seine Leser, teilhaben lässt. Obwohl es sich „Roman“ nennt, hat das Buch keine Hauptfigur, keine durchgehende Handlung, keinen identifizierbaren Erzähler. Noch nicht einmal einen Klappentext hat der Autor erlaubt.

So manches Leitmotiv taucht wieder auf

An dessen Stelle findet sich der Auszug aus einem Wondratschek-Brief an den Verleger, in dem es um einen Satz aus den Harvard-Vorlesungen des argentinischen Dichters Jorge Luis Borges in den Jahren 1967 und 1968 geht. „Er ließ“, so lautet der Satz, „seinen Geist schweifen, und er gab diesem Geist die Gestalt vieler Personen.“ Dies, so wiederum Wondratschek, beschreibe genau das, was er in „Mittwoch“ versuche.

Der Reihe nach begegnen wir also zunächst einem „Mann“, der als „ruhig“ und „kultiviert“ vorgestellt wird, dann einem Mechaniker, den dieser Mann aufsucht, danach dem „nichtsnutzigen, aber schlauen“ Sohn eines Gastwirts, mit dem der Mechaniker eine Wette eingeht, und dem Gastwirt selbst, der offenbar im Stillen Selbstgespräche führt.

Der Geist, den der Autor dabei schweifen lässt, fördert aufs Neue so manches Leitmotiv des Wondratschek-Werks ans Licht: den Kosmos der Kneipe, das Drama des Boxens und der Boxer, die Geschichte einer großen, aber im Elend endenden Liebe. Haben die Leitmotive ihren Dienst getan, verschwinden mit ihnen auch die Personen, an denen sie sich gerade noch zeigten.

Neben Borges ließen sich deshalb auch Robert Altmans „Short Cuts“ als Vorbild nennen. Lose zusammengehalten werden die einzelnen Episoden in Altmans Film durch einen Hubschrauberflug über Los Angeles am Anfang und ein Erdbeben am Ende des Films. Bei Wondratschek ist es ein Hundert-Euro-Schein, der von Hand zu Hand, von Besitzer zu Besitzer wandert. Auch das geschieht ganz nebenbei.

Journalismus geht nur mit Kettenrauchen

Und gerade dieses Beiläufige geht eine ganze Zeit lang sehr gut. Mit der Dirne Cora geht es in den Urlaub nach Malta, mit dem Friseur, ihrem einstigen Chef, in die heutigen russischen Weiten, aber auch zurück ins Sowjetreich von Überwachung und Unterdrückung. Ziemlich genau zur Hälfte des Buchs ist der Friseur dann wieder in seinem Geschäft, gibt den Geldschein einer Angestellten, damit sie seine Schulden im Tabakladen bezahle.

Zunächst ist auch von dort noch Wundersames zu berichten - etwa über das Verhältnis zwischen Journalismus und Kettenrauchen -, aber das Ganze gerät nun ziemlich ins Stocken, gleitet ab ins nur noch Schrullige und Schwankhafte. Wären Wondratscheks „Short Cuts“ tatsächlich kürzer geblieben, nichts hätte das Lesevergnügen getrübt. Aber zum Siebzigsten ein Themen-Potpourri aus viereinhalb Jahrzehnten eines heroischen Dichterlebens: Das ist ja auch nicht schlecht. 

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