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Stephan Wackwitz wird 70 : Lust am Anderen

Stephan Wackwitz Bild: Tana Hojcova

Als Student gehörte er einer marxistischen Splittergruppe an, dann entdeckte er die Welt hinter Wien: Der Autor Stephan Wackwitz wird siebzig Jahre alt.

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          Ein Folge „Anne Will“ genügte, um Stephan Wackwitz in seiner Wohnung in Tblissi den Abend zu verderben. „Es war im Frühsommer 2014, glaube ich“, schreibt er in seinem Essay „Eure Freiheit, unsere Freiheit“ (Edition FotoTapeta), als er „mit steigender Fassungslosigkeit“ dem deutschen Politiker Erhard Eppler zusah, der von einer durch „führende westliche Politiker“ gebrochenen Vereinbarung gesprochen habe, die Nato und die EU nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht um Länder östlich der ehemaligen DDR zu erweitern – also auch nicht um das wenige Jahre zuvor von Russland militärisch gedemütigte Georgien und nicht um die wiederum durch Russland seit 2014 ihrer Krim beraubten Ukraine. Durch entsprechende Expansionsbestrebungen des Westens fühle sich Putin bedroht, „an die Wand gedrückt“, hätte Eppler in der Talkshow verkündet.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          „Früher“, schreibt Wackwitz, „hätte ich mir all das ruhigen Blutes angehört. Aber jetzt brauste in mir, dem ausländischen Mitbürger jenes bayern- oder schweizgroßen Landes, dessen Hauptstadt im ballistischen Nahbereich der russischen Artillerie gelegen war, eine Spontanempörung auf, die mit dem erwähnten Bedrohtheitsphantasma zusammenhing.“ Es folgt die Frage, wie um Himmels Willen über die Bündniszugehörigkeit eines Landes entschieden werden solle, wenn nicht im Land selbst.

          Bildungsroman mit offenem Ende

          Den weiten Weg, den der 1952 in Stuttgart geborene Wackwitz bis zu diesem Punkt zurückgelegt hat, zeichnet er in seinen autobiographisch grundierten Romane und Essaybänden nach. Man kann jeden einzelnen von ihnen daraufhin befragen, welchen Beitrag die dort geschilderten eigenen Erlebnisse oder die der anderen, vor allem der Familienmitglieder, dabei gespielt haben. Der Autor tut es ja auch, wenigstens im von ihm als „Bildungsroman“ bezeichneten Band „Neue Menschen“. Er ist der Erzählung der ersten Jahre seines Protagonisten an der Universität gewidmet, der Mitgliedschaft in der DKP-nahen Vereinigung „MSB Spartakus“, den Zweifeln daran und der Selbstprüfung dreißig Jahre später: Welchem politischen Traum hing er an, woher stammte er, was machte ihn so attraktiv, und wie löste er sich schließlich davon, mit wessen Hilfe? Hier wie in anderen Büchern bleibt Wackwitz nicht bei sich stehen, sondern sucht nach Spuren der Verführbarkeit auch bei anderen, etwa bei dem Vater, der 1939 während der Überfahrt von Südwestafrika nach Deutschland in Kriegsgefangenschaft geriet und Jahre in einem kanadischen Lager verbrachte.

          Der Sohn arbeitete nach dem Germanistik-Studium als Lektor in London und für das Goethe-Institut unter anderem in Krakau, New York, Tokio, Bratislava, Tblissi und Minsk. Der weite Blick, die souveräne Regie als Vermittlung von Erzählung und Erläuterung, die Wackwitz’ Prosa so aufregend machen, gehen einher mit einer spürbaren Leidenschaft am Dialog und der Entdeckung, gerade was Ostmitteleuropa angeht. Einer Meinung, einer Haltung steht das nicht im Wege, im Gegenteil.

          Nach vielen Jahren als teilnehmender Gast in anderen Ländern lebt Stephan Wackwitz in Berlin. Heute feiert er seinen siebzigsten Geburtstag.

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