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Wladimir Sorokins düstere Russland-Vision : Die Monstersklaven sind unter uns

Ein Kultautor wider Willen: Wladmimir Sorokin begeistert auch diejenigen, die er verunsichern sollte Bild: Christian Thiel

Wladimir Sorokins dunkle Russland-Vision „Tag des Opritschnik“ sollte abschreckend wirken. Stattdessen ist der Roman zum Kultbuch avanciert, den die russische Gegenwart schon eingeholt hat.

          Als Wladimir Sorokin vor drei Jahren seinen antiutopischen Zukunftsroman „Tag des Opritschnik“ veröffentlichte, hoffte er insgeheim, die literarische Vision könnte auf die russische Wirklichkeit wirken wie ein Abwehrzauber. In dem Buch extrapoliert Sorokin die Zukunft des immer autoritärer werdenden Russland im Jahr 2027 als christlich orthodoxer Terrorstaat. Mit dem Segen des Herrschers und der Kirche hält ein brutaler Geheimorden eine materiell wie geistig verarmte Bevölkerung permanent in Angst und Schrecken. Öl- und Gaslieferungen nach Europa und China sind der letzte verbliebene Kontakt zur Außenwelt. Ihre Auslandspässe haben die Menschen feierlich verbrannt. Die Intellektuellen sind emigriert oder wurden umgebracht. Die übrigen Gebildeten haben die vaterländische Kultur eigenhändig von „überflüssigem“ Schrifttum gesäubert.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der „Opritschnik“ wurde auch deshalb zum Kultbuch, weil darin die Seelenökonomie der Terrorordensbrüder an einem Seniormitglied exemplarisch vorgeführt wird. Der Leser begleitet Sorokins Helden, in dem sich Züge Petersburger Geheimdienstler und Moskauer Strafverfolger zu einem monströsen Archetyp bündeln, durch einen Arbeitstag, an dem er einen Oligarchen liquidiert, Zollgeschäfte seiner Kompagnons gegen konkurrierende Kreml-Protegés verteidigt und nebenbei von einer Ballerina, die sich für eine Verhaftete einsetzt, Geld und Rauschgift erpresst. Man erlebt, wie sich der staatliche Häscher mit dem altrussischen Kampfschrei „Goida!“ in Mordlaune versetzt, wie er nach blutigen Einsätzen im Gottesdienst zur Ruhe kommt und wie ein innerer Huldigungsmonolog an Herrscher und Rechtgläubigkeit alle persönlichen Gewissensregungen ertränkt.

          Das Sonderrecht der Herrschenden

          Mit seinem „Opritschnik“, der schon im Titel auf Solschenizyns „Tag des Iwan Denissowitsch“ antwortet, zeichnet Sorokin ein exemplarisches Psychogramm der Putin-Epoche. Angesichts der neu aufblühenden Sowjetnostalgie ist der Kontrast des Solschenizyn-Klassikers, worin Generationen von Sowjetbürgern sich wiedererkannten, zur bösen Blume des russischen Kapitalismus umso eindrucksvoller. Solschenizyns Held war ein sowjetischer GULag-Häftling, der Zwangsarbeit, Unterernährung, Kälte und Krankheit durchsteht und dabei Funken menschlichen Anstands und minimale Freiräume bewahrt.

          Sorokins Ich-Figur steht auf der Seite der Unterdrücker. Er ist der Monstersklave, der im Namen der höheren staatlichen Sache das Humane in sich ausmerzt wie schon der Tschekist im russischen Bürgerkrieg. Die Opritschnina, die die privilegierte Sphäre des Herrscherinteresses bezeichnet, wurde von Zar Iwan dem Schrecklichen als christlich gerechtfertigtes Okkupationssystem erfunden. Das Wort leitet sich ab von „opritsch“, zu Deutsch „ausgenommen“, und steht für die Sondervollmachten, dank derer die Staatsstützen die Zivilbevölkerung, die bei Sorokin wie im sechzehnten Jahrhundert wieder „Semschtschina“ (etwa: Landwesen) heißt, malträtieren dürfen.

          Unheimlicher Zuspruch

          Der „Opritschnik“ wurde zur Lieblingslektüre sowohl liberaler als auch patriotischer Intellektueller. Die Menschenrechtskämpferin Valeria Nowodworskaja und die Partylöwin Xenia Sobtschak zeigten sich gleichermaßen begeistert. Der Geschäftsmann Boris Beresowski, der vor Putin ins Londoner Exil geflüchtet war wie einst Fürst Kurbski vor Iwan dem Schrecklichen nach Litauen, empfahl in seinem jährlichen Internet-Sendschreiben an den Kremlherrn, Putin, den er nach alter Freundschaft als „Wolodja“ anspricht, solle den „Opritschnik“ unbedingt lesen. Im Umkreis des Präsidenten lobt man Sorokins Buch als „äußerst treffend“. Die Beamten ließen dem Schriftsteller ausrichten, der „Goida“-Ruf, mit dem man sich auf das Zerschmettern von Feinden einstimmt, sei ihnen unvergesslich. Vollends unheimlich war für Sorokin das Kompliment der Jugendorganisation der neuimperialen Eurasier, die den „Opritschnik“ als prophetisches Werk begrüßten, das vorführt, was Russlands inneren Feinden blüht.

          Seither hat sich die russische Wirklichkeit nach dem Szenario des „Opritschnik“ entwickelt, bekommt Sorokin von Freunden und Bekannten zu hören. Die Petersburger Klanchefs, die auch äußerlich für Opritschniki durchgehen könnten, haben die Rohstoffkonzerne fest in der Hand. Wer sich gegen Beamtenwillkür wehrt, lebt gefährlich. Vor wenigen Tagen wurde in Chimki bei Moskau der Journalist Michail Beketow, der gegen illegale Finanzgeschäfte und Abholzungspläne der Regierung protestiert hatte, von Unbekannten fast zu Tode geprügelt.

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