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Wladimir Sorokins düstere Russland-Vision : Die Monstersklaven sind unter uns

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Der Strafprozess der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja, die von der Obrigkeit gedeckte Bluttaten in Tschetschenien und der russischen Armee angeprangert hatte, findet ohne den mutmaßlichen Mörder statt, weil der wegen einer gezielten Indiskretion der Ermittler fliehen konnte. Und der tschetschenische Präsident Kadyrow, der Frau Politkowskaja mehrfach bedrohte, wurde nicht einmal als Zeuge befragt. Unterdessen wollte die Russische Orthodoxe Kirche, deren Priester eifrig Atom-U-Boote und Raketen segnen, angesichts der Wirtschaftskrise schon rechtgläubige Volksmilizen organisieren, die Volksproteste von Krisenopfern niederschlagen sollten.

Mittelalter der Informationstechnologie

Der Stoff ließ den Schriftsteller schon damals auch literarisch nicht los. Nach der Innensicht eines Systemträgers wollte er, sagt Sorokin, auch die übrigen Bewohner eines solchen Imperiums kennenlernen. So entstand der Folgeband „Zuckerkreml“ (Sacharnyj kreml), der, in fünfzehn Erzählungen, Hofnarren, Henker, Zwangsarbeiter, Bettler und Dissidenten auf ihrem Lebensweg ein Stück begleitet. Das Buch, das 2010 bei Kiepenheuer & Witsch auf Deutsch erscheinen soll, entführt seine Leser in ein neues Mittelalter der Informationstechnologie und der Massenarmut. Weil alle Brennstoffe ins Ausland verkauft werden, heizen auch wohlsituierte Moskauer mit Holzscheiten, und die Aufzüge der Wohnhäuser stehen am Wochenende still. Dafür leuchtet in der „guten“ Wohnzimmerecke die interaktive 3-D-Ikone des Herrschers. Und am Weihnachtstag erscheint den auf dem Roten Platz versammelten Kindern im Winterhimmel sein lächelndes Antlitz.

Sorokins „Zuckerkreml“ zufolge führt die Wirtschaftskrise in Russland in ein Zimbabwe-Szenario. Von bürgerlichen Berufen und Besitztümern ist hier in zwanzig Jahren kaum noch etwas übrig. Von den regierungseigenen Wohnhäusern unterscheiden sich die öffentlichen dadurch, dass in ihren Treppenhäusern Müll herumliegt. Viele Privatdomizile, deren Bewohner kein Schutzgeld zahlen wollten, wurden von den Opritschniki niedergebrannt. Und neuerdings brennen auch die Datschen fern von Moskau samt Gesinde, weil der Staat dann vom Besitzer Kompensationszahlungen für umgekommenes Steuervolk verlangen kann.

Patriotische Korruption

Die Opritschnina-Begeisterung ist heute, zu Sorokins Entsetzen, in Moskau salonfähig. Der vom Kreml protegierte Senior-Eurasier Alexander Dugin schlug vor, da im russischen Staat die Korruption systemisch, also untherapierbar sei, die „patriotische“ von der unpatriotischen Korruption zu unterscheiden. Erstere sei das geringere Übel. Das Schmiergeld, das die Kommissare eintreiben, so Dugin, bleibe wenigstens im Land. In Wahrheit enttarne der Staat illegale Geschäfte bei Privatleuten, deckt sie aber in den Ministerien, verrät Dugin, der als russischer Machiavelli beim Namen nennt, was die meisten tun und doch leugnen.

In Sorokins „Zuckerkreml“ ist die körperliche Züchtigung tägliches Brot. Die Mutter schlägt ihr Kind, der Aufseher peitscht den Zwangsarbeiter, der Gatte schlägt die Gattin oder bringt sie, wenn er dies selbst nicht vermag, zum Verprügeln auf die Polizeistation. Dafür entschädigt die nationale Leckerei, eine Kremlreplik aus reinem Zucker. Der süße Fetisch, an dem sich schon Iwan der Schreckliche delektierte, wird in Sorokins Zukunft fabrikmäßig hergestellt.

Russische Apokalypsen

Die Bitterkeit und Übersüße des authentisch russischen Lebensgefühls kann man seit einiger Zeit kulinarisch studieren. Im September wurde im Moskauer Kaufmannsviertel, wo Iwan der Schreckliche die erste Wodkakneipe für seine gefürchteten Sondergarden installierte, das Restaurant „Opritschnik“ eröffnet, das auf seine bitteren Schnäpse ebenso stolz ist wie auf die Desserts und Teemischungen, die mit einer Extraportion Zucker oder Honig genossen werden. Gern kehren Geheimdienstler und Militärs hier ein und trinken aufs Vaterland. Iwan der Schreckliche sah in den Opritschniki apokalyptische Reiter, die die Welt säubern, erklärt die Restaurantbesitzerin Jelena Jaworskaja. In jener Epoche, da in England siebzigtausend Armutsnomaden aufgehängt wurden, töteten die russischen Opritschniki nur etwa sieben- bis neuntausend Menschen, sagt Frau Jaworskaja - und niemanden aus dem einfachen Volk.

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