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William T. Vollmann im Gespräch : Manchmal frage ich mich, ob Hitler nicht scheitern wollte

Der Autor von „Europe Central“, William T. Vollmann Bild: Ulf Andersen / Gamma-Rapho / Laif

Mit seinem Roman „Europe Central“ hat William T. Vollmann ein Panorama des Zweiten Weltkriegs aus der Sicht von Russen und Deutschen entworfen. Wir trafen den Autor auf einer Lesereise in Berlin.

          Sie haben über den Krieg der Mudschahedin in Afghanistan berichtet, den Bürgerkrieg in Jugoslawien, die Killing Fields in Kambodscha. Und Sie haben ein Dreitausendseitenbuch über die Geschichte der Gewalt geschrieben. Was fasziniert Sie an Krieg und Tod?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ich interessiere mich dafür, warum Menschen tun, was sie tun. Ich versuche zu verstehen, was moralische und was unmoralische Politik ist. Das ist das legitime Interesse jedes Bürgers der Welt. Wir werden nie unterscheiden können, was an den Verlautbarungen unserer Regierungen wahr ist und was falsch, wenn wir nicht dorthin gehen, wo die Dinge, um die es geht, wirklich passieren. Die beiden Regime in „Europe Central“ geben vor, gegensätzlich zu sein. Jedes Individuum in jedem Regime ist darauf trainiert, in dem anderen das Böse zu sehen, den Feind. Darin liegt die ideologische Täuschung.

          Das war eine Spezialität des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Genau. In der Geschichte von Wlassow in meinem Roman gibt es zuerst einen Wir-Erzähler, der zu den Sowjets gehört. Dann, als Wlassow mit Hitler kollaboriert, ist es ein deutsches Wir. Und zuletzt ist es wieder ein russisches. Und die ganze Zeit über ist es derselbe Mensch.

          Inwiefern sind Ihre Erfahrungen in Afghanistan, Bosnien oder auch Somalia in den Roman eingeflossen?

          Meine Erfahrungen als Reporter haben mich gelehrt, mehr Sympathie mit Soldaten aller Art zu empfinden, die schnelle Entscheidungen auf der Basis ungenügender Informationen treffen müssen. Und ich empfinde weniger Sympathie für diejenigen, die sie in diese Kriege schicken.

          Das Böse sitzt in „Europe Central“ in den Schaltzentralen der Macht, es kämpft nicht auf den Schlachtfeldern.

          Richtig. Beide Regime trugen Züge des Bösen, auch wenn wir womöglich nicht entscheiden können, welches besser und welches schlimmer war.

          Die Geschichte hat entschieden. Es ist heute nicht strafbar, Stalin für einen Wohltäter der Menschheit zu halten.

          Wir könnten sagen, Hitler war schlimmer, weil er für die Schoa verantwortlich ist. Wir könnten auch Stalin für den Schlimmeren halten, weil er länger gelebt und mehr Menschen vernichtet hat.

          Der Klassenkampf hat den völkischen Rassismus überdauert.

          Ja. Und trotzdem sind Wir-Erzähler in „Europe Central“, die Vertreter des Überwachungsstaats wie der Genosse Alexandrow oder sein deutsches Pendant, nicht so mächtig, wie sie glauben. Sie spionieren jeden aus, und trotzdem leben ihre Opfer ihr eigenes Leben. In diesem Sinn ist es ein optimistisches Buch. Selbst wenn unser Dasein der totalen Kontrolle unterliegt, können wir in einem gewissen Maß doch wir selbst bleiben.

          Sie haben Hitler ein eigenes Kapitel gewidmet. Warum gibt es kein Stalin-Kapitel in Ihrem Roman?

          Ich wollte ursprünglich ein eigenes Kapitel über Stalin schreiben. Aber ich bin irgendwie nicht dazu gekommen.

          War Stalin als Figur zu banal?

          Nein. Es wäre absolut machbar gewesen. Eines der lebendigsten Porträts von ihm stammt von dem jugoslawischen Partisanen und Diplomaten Milovan Djilas: „Gespräche mit Stalin“. Wenn Sie im Vergleich dazu „Hitlers Tischgespräche“ lesen, erkennen Sie den Unterschied zwischen den beiden. Hitler liebte es zu reden, und alle um ihn herum mussten zuhören. Stalin dagegen sah sich mit seinen Paladinen lieber Filmkomödien an. Anschließend betranken sich alle, und wenn sie richtig volltrunken waren, ließ er sie vorspielen, wie die Leute, deren Exekution sie mitangesehen hatten, gestorben waren. Darüber amüsierten sie sich. Djilas war schockiert über Stalins Grausamkeit und Fiesheit. Hitler war auf andere Weise fies, aber er hatte kulturelle Ambitionen. Stalin wollte immer als Mann des einfachen Volkes erscheinen.

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