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Wilhelm Genazino zum Siebzigsten : Der Ausweg aus der ganzen Misere ist der Humor

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Der eigenen Unzulänglichkeit begegnen

Genazinos Auseinandersetzung damit begann Ende der siebziger Jahre, als er die Chronik des Angestellten Abschaffel in der gleichnamigen Roman-Trilogie veröffentlichte, und setzt sich bis zu seinen jüngsten Werken fort. Genazino ist ein Autor mit der Fähigkeit, diffuse Gefühle, Stimmungen und vor allem das allgemeine Unwohlsein zu ergründen und dessen Ursachen zu benennen. Das klingt einfach, ist aber hohe Kunst, zumal, wenn es auf typische Genazino-Art geschieht, die auf Weitschweifigkeit grundsätzlich verzichtet. Seine Beschreibungen der Misere des modernen Menschen sind stets präzise, auch detailliert, aber kurz und bündig.

Diese Konzentration auf das Wesentliche gehört zu seinen wichtigsten Stilmerkmalen, und gerade diese Klarheit ist es, die, weil ihr das Lächerliche, die Nichtigkeit und Mangelhaftigkeit alles Daseins so wenig entgegenzusetzen hat, den Leser oft schmerzt. Sich in Genazinos Büchern wiederzuerkennen bedeutet, der eigenen Unzulänglichkeit ins Gesicht zu blicken. Bei Lichte betrachtet, sind seine Bücher deswegen oft eine Zumutung. Seine Werke sind keine friedliche Bettlektüre, sie beruhigen nicht, regen aber auch zu nichts an, sie rauben Illusionen und tun immer wieder ihren aufklärerischen Dienst.

Das Abgründige

Denn ganz gleich, wessen Geschichte Genazino nun erzählt, sei es die des Wäschereiangestellten Gerhard Warlich („Das Glück in glücksfernen Zeiten“, 2009), die des Controllers Dieter Rotmund („Mittelmäßiges Heimweh“, 2007) oder die des namenlosen Helden in „Die Liebesblödigkeit“ (2005), am Ende hat man es häufig mit Figuren zu tun, die der Welt abhandenkommen, weil sie ihnen zu viel geworden ist. Es sind Menschen, die sich mit zunehmender Verzweiflung um etwas bemühen, was Genazino in „Wenn wir Tiere wären“, seinem letzten Roman, „die allgemeine Lebensersparnis“ genannt hat, also um eine Flucht vor den Zumutungen des Alltags. Das kann ein Besuch im Theater sein oder die zufällige Begegnung von Bekannten auf der Straße, immer wieder ist es die Liebe, sehr oft sind es natürlich auch die Anforderungen, die bei der Arbeit gestellt werden.

Dass sich Genazinos Figuren ihrer Vermeidungshaltung bewusst sind, dass sie genau wissen, wovor und warum sie fliehen, macht die Sache dabei nicht besser, sondern eher schlechter. Häufig bestehen Genazinos Romane aus mehreren Reflexionsebenen, deren Ergebnis am Ende doch ist, dass auch das Wissen um die Tragik des eigenen Lebens daran nichts ändert und somit gar nichts bringt. Darin, in dieser totalen Ausweglosigkeit, liegt das Abgründige seiner Bücher.

Frankfurt in jeder Faser

Zuweilen hat man Genazino deswegen vorgeworfen, sich in ewiger Schwarzmalerei zu wiederholen. Aber so richtig es ist, wenn er darauf verweist, dass Schriftsteller eben nur die Romane schreiben können, die sie schreiben, so sehr lassen sich hie und dort auch Andeutungen für einen Ausweg aus der Misere finden: im Humor. Er selbst hat davon noch mehr, als seine Bücher ahnen lassen. Als an diesem Nachmittag zu Hause, in seiner schnörkellos eingerichteten Wohnung im Frankfurter Westend, in der sich der Verzicht auf alles Überflüssige, der sein Schreiben prägt, so schön widerspiegelt, als hier also das Telefon klingelt und jemand wissen will, wie viele Bücher er denn nun genau geschrieben habe, muss er passen: „Glauben Sie, ich habe sie gezählt?“ Was für eine Frage!

Sechzehn, achtzehn Romane werden es wohl sein, und doch ist das literarische Feld, das er beackert, nicht kleiner geworden. Er spaziere zwar nicht mehr so häufig durch Frankfurt, sagt er. Aber wo immer er sei, hole er seine Notizzettel aus der Brusttasche und notiere mit gespitztem Bleistift, was ihm sehenswert scheint: die Arbeit eines Buntspechts, das Klagen eines Kindes, die Hatz des Lebens. Diese dem Alltag abgeschauten Details sind die Bausteine seines Werks. Mit der Schreibmaschine tippt er sie ab, ordnet sie in einem nie gesehenen System der „Einfallbewirtschaftung“ und bedient sich ihrer in den Romanen. So ist Frankfurt in jede Mikrofaser seiner Bücher eingedrungen. Ein Ende dieses wunderlich-einfühlsamen Schaffens ist gottlob nicht in Sicht.

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