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Satiriker, Autor, Sänger : Wiglaf Droste im Alter von 57 Jahren gestorben

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Wiglaf Droste, geboren am 27. Juni 1961 in Herford, gestorben am 15. Mai 2019 in Pottenstein, 2011 bei einem Auftritt in Berlin Bild: dpa

Studiert hat er fünf Wochen lang, dann machte er sich als Satiriker und Kommentator einen Namen – und Feinde. Jetzt ist der Autor und Sänger Wiglaf Droste im Alter von 57 Jahren gestorben.

          Der Satiriker Wiglaf Droste ist tot. Er starb nach kurzer und schwerer Krankheit am Mittwoch im oberfränkischen Pottenstein, wie die Chefredaktion der in Berlin erscheinenden Tageszeitung „Junge Welt“ mitteilte. Sie berief sich auf den engsten Familienkreis. Für das Blatt schrieb Droste seit vielen Jahren eine tägliche Kolumne. Droste wurde 57 Jahre alt.

          Wiglaf Droste wurde am 27. Juni 1961 im ostwestfälischen Herford geboren. Er wuchs mit seinen Brüdern in Altenhagen bei Bielefeld auf. Die Familie seiner Mutter stammt aus Ostpreußen. Schon auf dem Gymnasium schrieb Droste für die Schülerzeitung und gründete eine Band. Nach dem Zivildienst begann er 1983 in Berlin ein Studium der Kommunikationswissenschaften und Publizistik. Nach fünf Wochen brach er ab, weil ihn die „schulähnlichen Zustände“ störten.

          Bis 1985 verdiente Droste seinen Lebensunterhalt mit Aushilfsjobs. Danach schrieb er für das „Spandauer Volksblatt“, das Berliner Stadtmagazin „tip“ und für „die tageszeitung“. Nach zehn Wochen in einer Düsseldorfer Agentur für Kommunikation kehrte er 1987 nach Berlin zurück und setzte dort seine freie Mitarbeit für die „taz“ als Redakteur für Medientexte fort. Nach Konflikten mit der Redaktion wegen pornografischer Inhalte in der Ausgabe zum Frauentag am 8. März 1988 sowie mit der Polizei wegen der Teilnahme an Krawallen in der Nacht zum 1. Mai 1988 verließ er die „taz“-Redaktion. Seine „taz“-Texte finden sich in den Sammelbänden „Kommunikaze“ (1989), „Mein Kampf, dein Kampf“ (1991) und „Am Arsch die Räuber“ (1992).

          Keine Denkverbote

          Mit Bela B. von den Ärzten brachte Droste 1989 seine erste Single mit dem Titel „Grönemeyer kann nicht tanzen“ auf den Markt. Für den Westdeutschen Rundfunk schrieb er die Kolumne „Kritisches Tagebuch“. Beim Satiremagazin „Titanic“ hatte er nach eigener Aussage schon bald keine Lust mehr, „Humor zu machen“ und auch beim „Neuen Deutschland“ hielt er es nicht lange aus.

          Droste galt als gnadenlos ätzender Kritiker deutscher. 1991 gründete er mit einem Freund das „Benno-Ohnesorg-Theater“ an der Berliner Volksbühne, das jungen satirischen Talenten ein Podium für politisch aktuelle Abendunterhaltung bot. Seine Fangemeinde verglich ihn mit Kurt Tucholsky, seine öffentliche Lesungen wurden oft von protestierenden Gegnern begleitet. Als kompromissloser Polemiker kannte er keine Denkverbote und musste seine Honorare oft für Schadensersatzzahlungen an seine „Opfer“ verwenden.

          Anfeindungen eines Streitbaren

          1995 griffen ihn antifaschistische, feministische und autonome Gruppen an, weil er sich kritisch mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern („Der Schokoladenonkel bei der Arbeit“) auseinandergesetzt hatte. In Kassel kippte eine „Gruppe autonomer Männer“ ihren gesammelten Kot vor das Café, in dem Droste auftreten wollte, und in Tübingen empfing ihn ein trillerpfeifendes Empfangskomitee aus der Frauenbewegung zur Lesung.

          Aufregung verursachte Droste auch mit dem satirischen Krimi „Der Barbier von Bebra“, 1996 zusammen mit Gerhard Henschel verfasst. Darin schneidet ein Serienmörder ostdeutschen Prominenten vor der Exekution die „Bürgerrechts“-Bärte ab. Als die „taz“ den Roman vorabdruckte, riefen die Grünen-Politiker Vera Lengsfeld (heute CDU) und Konrad Weiß zum Boykott der Zeitung auf. Sie verstanden Drostes Buch als „literarische Anleitung zum Mord an Andersdenkenden“ und als „unfassbares Machwerk faschistoiden Charakters“.

          Rundumschläge

          Ebenfalls mit Henschel beschäftigte sich Droste in „Der Mullah von Bullerbü“ (2000) auf satirische Weise mit religiösem Fundamentalismus aller Couleur. Nachdem Droste bereits in den neunziger Jahren Lesungen singend bestritten hatte, tat er sich im Jahr 2000 mit dem Essener Spardosen-Terzett zusammen, um literarische Konzerte zu geben und auf CD aufzunehmen. Daneben schrieb er weiterhin Kolumnen, unter anderem für die „Wahrheitsseite“ der „taz“.

          2001 kam es zu einem Eklat, weil die „taz“ unter anderem wegen Drostes bitterbösem Kommentar auf dem Titelblatt nicht auf dem Parteitag der Grünen verteilt werden durfte. 2006 trennte sich Droste von der „taz“, weil sie seinen Artikel über die Gesellschaft für Deutsche Sprache nicht drucken wollte. Seitdem veröffentlichte er unregelmäßig in der „Jungen Welt“. Zu verbalen Rundumschlägen gerieten Drostes Textsammlungen „Der infrarote Korsar“ (2003) und „Kafkas Affe stampft den Blues“ (2006), in denen er unter anderem Kanzler-Gattin Doris Schröder-Köpf, Bundespräsident Horst Köhler, den Sänger Peter Maffay sowie den Fußballer Franz Beckenbauer ins Visier nahm. In seinem Gedichtband „Nutzt gar nichts, es ist Liebe“ (2005) vereinte Droste zarte Liebeserklärungen aufs Neue mit Kalauern und ätzenden Versen über prominente Deutsche. Mit „Will denn in China gar kein Sack Reis mehr umfallen?“ (2007) folgte eine weitere Textsammlung. Zu seinen Lieblingsfeinden gehörten Günter Grass, Wolf Biermann, Marcel Reich-Ranicki und die „Bild“-Zeitung. Unter dem Titel „Im Sparadies der Friseure“ erschienen 2010 die gesammelten Glossen des Sprachkritikers Droste.

          Mit dem Sternekoch Vincent Klink gab Droste ab 1999 die Vierteljahreszeitschrift „Häuptling Eigener Herd“ heraus, die sich mit kulinarischer Lebenskunst beschäftigte. Zusammen mit Nikolaus Heidelbach veröffentlichten die beiden auch die humoristischen Bände „Wurst“ (2006), „Weihnachten“ (2007), „Wein“ (2008) und „Wild“ (1010) sowie „Wir schnallen den Gürtel weiter“ (2008).

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