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Mary MacLane neu übersetzt : Mit großer Klappe und heiligem Ernst

Nietzsches Übermädchen

„Ich erwarte die Ankunft des Teufels“, erschienen 1902, geriet nach dem Tod der Autorin 1929 in Vergessenheit und liegt jetzt in einer fabelhaften Übersetzung von Ann Cotten im Reclam Verlag erstmals auf Deutsch vor. Rousseau blickte am Ende seines Lebens zurück auf das, was nicht mehr zu ändern war. Mary MacLane ist neunzehn und blickt zurück, damit alles anders würde, was noch kommen sollte. Aber der wichtigste Unterschied: Hier schreibt eine Frau.

„Ich, neunzehn Jahre alt und im weiblichen Geschlecht geboren, werde jetzt, so vollständig und ehrlich wie ich kann, eine Darstellung von mir selbst verfassen. Mary MacLane, die in der Welt nicht ihresgleichen kennt. Davon bin ich überzeugt, denn ich bin ungewöhnlich. Ich bin ausgesprochen originell, von Geburt an und in meiner Entwicklung. Ich habe eine ganz ungewöhnliche Lebensintensität in mir. Ich kann fühlen.“ So fängt es an: entschieden großmäulig, mit heiligem Ernst, bar jeder Ironie. Dann prasselt es auf den Leser ein. Geständnisse, Ankündigungen, Ausbrüche, Emotionen, alles wie Hagelkörner: von weit her kommend, hart aufschlagend, unausweichlich. So spricht Nietzsches Übermädchen. Ihr Stil ist bewunderungswürdig: zarte rohe Kraft, expressiv, rhythmisch, effektsicher und biegsam. Sie ergeht sich in Naturbeschreibungen, lässt aber die Verheerungen, die der Bergbau in ihrer Heimatstadt Butte in Montana anrichtet, nahezu unerwähnt. Sie lauscht ihrer Leber und ihrem Magen, führt Dialoge mit ihrer Seele, vor allem aber mit dem Teufel, dem sie sich unterwerfen will.

Die Anlagen eines Napoleon

Der Teufel, das ist der Kulminationspunkt all ihrer Sehnsüchte, eine Chiffre für die Erfüllung an sich, auch in sexueller Hinsicht. Dass sie Frauen bevorzugen würde, spricht sie offen aus: „Glauben Sie denn, ein Mann ist das einzige Geschöpf, in das man sich verlieben kann?“ Festlegen sollte sie sich später nie. Sie hält nichts davon, sich etwas zu versagen. Lust ist existentiell, kann sich aber aus verschiedenen Quellen speisen. Schreiben ist für sie wie essen: lebensnotwendiger Genuss ihrer selbst. Literatur ist auch ein Instrument der Machtausübung: „Es gibt nichts Besseres als das – die Welt dazu zu zwingen, deine Gedanken so zu sehen, wie du sie siehst.“ Sie lobt Porterhouse-Steaks, Frühlingszwiebeln, Lord Byron, Poe und Maria Louise Pool, hasst „vernünftige Mädchen“ und „passende Ehen“ und verspottet die Intellektuellen ebenso wie die religiös Empfindsamen: „Ach – ach was! Ich bin nicht hochgestimmt und spirituell. Ich bin irdisch, menschlich – empfindend, sinnlich, wollüstig und ach, meine Seele will ihr Glück auf Erden!“ Sie ist sehr heutig. Sie will alles. Um es zu bekommen, will sie berühmt werden. Sie sagt es, als würde sie beim Kellner eine Bestellung aufgeben: „Teufel, den Ruhm, bitte.“

Sie besaß siebzehn verschiedene Porträts von Napoleon und verliebte sich in jedes von ihnen. Aber auch in ihm liebte sie nur eine nicht realisierte Möglichkeit ihrer selbst: „Ich habe die Persönlichkeit, die Anlagen eines Napoleon, wenngleich in einer weiblichen Version. Daher erobere ich nicht; ich kämpfe nicht einmal. Ich schaffe es gerade einmal, zu existieren.“ Mary MacLane hat nicht darunter gelitten, eine Frau zu sein, im Gegenteil. Sie hätte nur gern in einer anderen Welt gelebt. Nach ihrem Debüt schrieb sie zwei weitere Bücher und drehte einen autobiographischen Film, in dem sie selbst die Hauptrolle spielte. Sein Titel klingt nicht so, als hätte der frühe Ruhm sie sehr verändert: „Men who have made love to me“.

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