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„Euphorion“ von Gregorovius : Hinter ihm brennt die Stadt

In den Ruinen von Pompeji Bild: dpa

Der Historiker als Dichter: Neben seinen geschichtswissenschaftlichen Arbeiten schrieb Gregorovius ein Epos in Hexametern. Es schildert den Untergang von Pompeji.

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          Als Ferdinand Gregorovius am 23. Juni 1853 das erste Mal nach Pompeji kam, war sein Eindruck von der verschütteten und seit 1748 sukzessive wieder systematisch ausgegrabenen Stadt höchst zwiespältig. „Dies ist ein Wesen, welches entzückt und abstößt“, hält er im Tagebuch fest: „Die Häuser stehen da wie leere Särge; Straßenreihen, Tempel, Theater, Forum – alles totenstill, vom Sommerzauber flimmernd. Nie fühlte ich solche Wehmut. Nur Dichter können sie sagen.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass er dabei durchaus an sich selbst und das eigene Vermögen als Autor dachte, erschließt sich nicht nur mit Blick auf seine bis dahin publizierten Texte. Gregorovius, geboren am 19. Januar 1821 im masurischen Neidenburg, hatte in Königsberg bei Karl Rosenkranz studiert und später als Feuilletonredakteur gearbeitet – seine Leitartikel für die „Neue Königsberger Zeitung“ aus den Jahren 1848 bis 1850 sind 2017 gesammelt im Verlag C. H. Beck erschienen (der auch andere Werke des Autors vorbildlich ediert in unsere Zeit gebracht hat). Er hatte unter Pseudonym die Satire „Konrad Siebenhorn’s Höllenbriefe an seine lieben Freunde in Deutschland“ und den Roman „Werdomar und Wladislaw – Aus der Wüste der Romantik“ publiziert, außerdem den Essay „Göthe’s Wilhelm Meister in seinen socialistischen Elementen“ und die Tragödie „Der Tod des Tiberius“ – all dies noch vor seiner Italien-Reise, die er im Frühjahr 1852 antrat.

          Als Pompeji im Ascheregen des Vesuvs unterging

          Auch wenn die Resonanz auf seine literarischen Werke, zu denen noch eine Reihe postum herausgegebene Gedichte treten sollten, bescheiden ausfiel, nahm Gregorovius für sich immer in Anspruch, dass er bei seiner Darstellung der Vergangenheit auch als Dichter agiere und dass dies kein Widerspruch, vielmehr eine Notwendigkeit für den Historiker sei. Noch im April 1870, als ihn der Selbstmord des Historikers Philipp Jaffé „tief erschüttert“, wie er im Tagebuch notiert, sucht er die Gründe für diesen ihm unvorstellbaren Schritt Jaffés in dessen Enttäuschung über das eigene historische Werk: „Vielleicht genügte seinem Geist die bloß kritische Forschung und das Sammeln von Material nicht, während ihm die Natur das versagt hatte, was den Geschichtsforscher macht, die Phantasie, welche Kunstwerke erzeugt.“

          Umgekehrt scheint der Dichter Gregorovius seit seiner Ankunft in Rom wesentlich von seinen historischen Interessen geleitet. Das ist nichts Ungewöhnliches in der deutschen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts mit ihrem Übermaß an historischen Romanen, an Stauferdramen und Versepen aus der Geschichte, nur dass Gregorovius eben nicht nur aus der Überlieferung schöpft, sondern auch aus der Anschauung. Und wenn es die nur dem Dichter sagbare „Wehmut“ angesichts der Trümmer von Pompeji ist, die den allgemeinen Plan einer in dieser Stadt spielenden Dichtung in Gregorovius wie in manch anderem Autor jener Zeit erzeugt, dann liefert den letzten Impuls hier ein konkretes Kunstwerk, ein bronzener Kandelaber, den der Autor im Museum in Neapel sah.

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