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Brigitte Schwaiger : Die vielfach Verlorene

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Brigitte Schwaiger im Oktober 1978 Bild: Brigitte Friedrich

Ausgeliefert an die Psychiatrie und ans Vergessen: Vor zehn Jahren starb die österreichische Schriftstellerin Brigitte Schwaiger. Die Umstände, welche zu ihrem Tod führten, könnten bedrückender nicht sein.

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          Die Methode des Surrealisten André Breton war Brigitte Schwaiger bekannt. In ihrem Buch „Malstunde“ zeigte die Autorin sich an der Begegnung interessiert, die der Maler Arnulf Rainer einst mit Breton in Paris erlebt hatte. Die Literatur von Brigitte Schwaiger erinnert denn auch an Werke von André Breton: an „Nadja“ oder „L’amour fou“.

          Breton war auf der Suche nach sinnvoll erklärbaren Koinzidenzen, Brigitte Schwaiger sprach vom „magischen Denken“. Es werden Wahrnehmungen beschrieben, kurze Momente von Erfahrungen und Erinnerungen. Der Stil von Brigitte Schwaiger wurzelt in der Methode der „l’écriture automatique“, des unbewussten Schreibens, mit der höhere Erkenntnisse über die Realität gewonnen werden sollten, durchaus auch als Phänomenologie, was Breton mit dem Begriff des „Surrealismus“ beschrieb.

          Die Floskeln der Bürgerlichkeit

          Brigitte Schwaiger wollte mit dieser „écriture“ einen tieferen Einblick in ihre Empfindungen gewinnen und auch vermitteln. Es gelang: In ihrem ersten, 1977 erschienenen Roman „Wie kommt das Salz ins Meer“ berührte sie eindringlich die kollektiven Erfahrungen jener Epoche, der späten siebziger Jahre. Dieser Empfindungsroman war ein großer Erfolg, rund fünfhunderttausend Exemplare wurden verkauft.

          Die Schriftstellerin lauschte darin genau auf die Stimmen ihrer Umgebung und nahm deren Sprechweise als Material für ihre Geschichten. Schwaiger demaskierte dabei die Floskeln eines bürgerlichen Sprachduktus, wie es schon zuvor in Wien der Dramatiker Ödön von Horváth getan hatte. Oder der „Ohrenzeuge“ Elias Canetti, der die „akustischen Masken“ ins Bewusstsein heben wollte, auf dass sie erkannt werden als Instrumente der Etablierung von Machtstrukturen.

          Ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof

          Der Ton von Schwaigers Roman traf den Nerv der damaligen Leser, die ähnliche Situationen aus eigenen Erlebnissen wiedererkannten: „Mutter zwängt sich ins Kleid . . . Immer dieser Fetzen, sagt Vater. Das ist kein Fetzen, sagt Großmutter, das ist ein guter Stoff. Sie reibt den Saum zwischen den Fingern. Wieso immer, fragt Mutter. Sie hat dieses Kleid erst einmal getragen, bei Großvaters Begräbnis. Es ist elegant, sagt Großmutter. Vater wird ungeduldig. Seit einer Stunde ist er fertig, war gestern beim Friseur, um sich den Nacken ausrasieren zu lassen.“ Schwaiger gewährt in „Wie kommt das Salz ins Meer“ einen Blick in den Alltagsterror einer bürgerlichen Kleinfamilie.

          Damit wirkte sie anregend auf die nächste Generation von österreichischen Schriftstellerinnen, etwa auf Gertraud Klemm oder Waltraud Anna Mitgutsch. Dennoch scheiterte Brigitte Schwaiger an den Bedingungen in Österreich. Man fand die Autorin am 26. Juli 2010 tot im Donaugewässer. Ihre Leiche kam in die Sensengasse 2, zur Obduktion durch die Gerichtsmedizin. Die Stadt Wien gewährte ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof, Gruppe 40, Nummer 72. Wie kam es zu dem traurigen Ende?

          „Sehr geehrte Herrschaften! Ich habe kein Geld! Brigitte Schwaiger“

          Brigitte Schwaiger war nach dem Abitur aus Freistadt, einem Ort in Oberösterreich mit rund achttausend Einwohnern, nach Wien gezogen. Sie war die ländlichen Kommunikationsstrukturen einer Kleinstadt gewohnt, die sie auch in der Metropole nicht ablegte. In Wien wurde die Autorin mit einem anderen Gesprächsverhalten konfrontiert, manchmal skeptisch abwartend, manchmal unterschwellig sarkastisch. Brigitte Schwaiger, mit ihrem offenen Charakter, wurde in Wien bis zuletzt nicht verstanden, auch wenn sie ohne dezidierte Absichten auftrat. Die Autorin pflegte keinen aufwendigen Lebensstil, sie lebte weiterhin so bescheiden in Wien, wie sie es von ihrer Herkunft gewohnt war, als Tochter eines Landarztes.

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