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Dichter Dante Gabriel Rossetti : Wer kann all diese Geheimbotschaften entschlüsseln?

  • -Aktualisiert am

Im Bild von Dantes Beatrice spiegelte Dante Gabriel Rossetti seine tote Ehefrau Elizabeth Siddal. Bild: ddp

Die letzten Romantiker im Grau der Industrie: Der Dichter und Maler Dante Gabriel Rossetti und seine Familie haben die britische Kultur des 19. Jahrhunderts zum Positiven verändert. Daran sollte sich England heute erinnern.

          7 Min.

          Vor 150 Jahren reifte der Entschluss. Dante Gabriel Rossetti hatte sich endlich durchgerungen, das Manuskript mit seinen eigenen Gedichten zurückzuholen, da er nun einen größeren Lyrikband zu veröffentlichen plante – darunter etliche, die bald zu seinem Hauptwerk zählen und die englische Kultur nachhaltig verändern sollten. Doch das Manuskript befand sich im Sarg seiner Frau unter der Erde. In Highgate Cemetery, dem Parkfriedhof im Norden Londons, lag es dort seit sieben Jahren.

          Im Februar 1862 war seine Ehefrau Elizabeth Siddal gestorben, zweiunddreißigjährig, an Vergiftung durch Laudanum. Vor Gericht wurde zwar festgestellt, dass sie die Überdosis dieser Opiumtinktur, die vielen Viktorianerinnen das Leben überhaupt erträglich machte, versehentlich genommen habe. Doch Gerüchte über einen Abschiedsbrief und damit einen Freitod ließen sich nie unterdrücken. Seit der Totgeburt einer Tochter war die Malerin und Muse, die einst der Wasserleiche in J. E. Millais’ ikonischem Ophelia-Gemälde ihr Gesicht gab (tagelang hatte sie dafür als Modell in einer kalten Badewanne ausharren müssen), oft in Depression verfallen. Als sie im Familiengrab der Rossettis beigesetzt wurde, gab ihr der Witwer, tief erschüttert, sämtliche Gedichte mit, die er während der gemeinsamen Jahre verfasst hatte: Ihr seien sie zugeeignet, und mit ihr sollten sie begraben sein. Zweifel daran kamen ihm erst später.

          Geschichte einer italoenglischen Familie

          Dante Gabriel Rossetti – Gründungs- und Zentralfigur der Präraffaelitischen Bruderschaft, wie sich der Bund junger Künstler, der sich 1848 in London als neue Avantgarde zusammenfand, verschwörerisch bezeichnete – ist eine der faszinierendsten Erscheinungen Englands im neunzehnten Jahrhundert, auch wenn sich sein ästhetisches Erbe heute von der allfälligen Kommerzialisierung durch Kalender, Küchenhandtücher und Klodeckeldesign nur schwer befreien lässt. Geboren 1828 in London, wirkte er als Maler, Dichter, Übersetzer, Anreger und Programmatiker einer neuen Kunstauffassung, die nur ihren Verächtern als weltabgewandt und eskapistisch gelten kann: Recht besehen, zielte sie auf die Einebnung jeglicher Grenze zwischen Kunst und Leben, stieß damit die einflussreiche Arts-and-Crafts-Bewegung eines William Morris an und führte in direkter Linie zum Ästhetizismus der Jahrhundertwende.

          Dazu gehörte ein bedingungslos gelebtes Liebesleben, das Rossetti nicht nur mit Lizzie Siddal zelebrierte und dessen öffentliche Wirkungsdimension man sich vielleicht wie die von John Lennon und Yoko Ono vorstellen darf. So versteht es sich, dass auch die Dichtkunst, ja die englische Sprache überhaupt, mit seinen Werken einen ganz neuen sinnlichen, registerreichen und verführerischen Klang gewann. Seine empörten Gegner, die es in sittenstrengen Jahren zahlreich gab, attackierten ihn als „fleischlich“ und schrieben diese Eigenart der italienischen Herkunft zu.

          Tatsächlich spricht daraus ein Grund, warum die Rückbesinnung auf Rossetti und seine Familie heute lohnt. Zu Zeiten, da es bestürzend unklar ist, wie Großbritannien sich und sein Verhältnis zu Europa überhaupt je wieder sinnhaft ordnen will, mag von besonderem Interesse sein, dass dieses Land im frühen neunzehnten Jahrhundert, als Kontinentaleuropa im Klammergriff der Metternich’schen Restauration daniederlag, ein Hort bürgerlicher Freiheiten, Fluchtpunkt politisch Verfolgter sowie Begegnungsort selbstverständlicher Kosmopoliten war. Das bezeugt vor allem die bemerkenswerte Geschichte dieser italoenglischen Familie, der neben Dante Gabriel noch drei Geschwister angehörten, allesamt bedeutende Intellektuelle, und deren Haus in Charlotte Street in Fitzroy ein Zentrum der italienischen Exilgemeinde Londons bildete.

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