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Werner Schmidts Erinnerungen : Wie die Angst ins Epische sickert

Geboren am 19. März 1913: der Arzt Werner Schmidt im Jahr 1943 Bild: Suhrkamp

Seine Autobiographie „Leben an Grenzen“ bewahrt wertvolle und für alle Generationen wichtige Erinnerungen eines Mediziners aus dunkler Zeit: An diesem Dienstag vor hundert Jahren wurde Werner Schmidt geboren.

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          Geboren vor 1914 ... aber spürt man nicht noch einen Hauch von Goethes Welt, wenn man den ersten Satz dieser Autobiographie liest? „Als ich am 19. März 1913 als zweites und letztes Kind meiner Eltern in Östringen zur Welt kam, einem Dorf zwischen Heidelberg und Bruchsal, war es sonnig und warm.“

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Zwar, der Kosmos, den „Dichtung und Wahrheit“ beschwor, ist durch die Schule der neuen Sachlichkeit gegangen, durch eine Ernüchterung, die das Medizinstudium für Werner Schmidt mit sich brachte, er ist zusammengezogen auf das Wetter und die Landschaft. „Zwei Monate nach meiner Geburt zog die Familie nach Lang-Göns in Oberhessen, einem Dorf inmitten des Hüttenberg, mitten in einer ebenso fruchtbaren wie lieblichen und heiteren Landschaft am Rande der Wetterau.“

          Der politischen Unmöglichkeit abgerungen

          Werner Schmidt war der Vater von Ulla Berkéwicz, der Geschäftsführerin des Suhrkamp-Verlags. Die epische Ruhe des Beschreibens, mit der diese Autobiographie anhebt, die dem Leser so homogen mit der leicht gewellten hessischen Landschaft erscheint, in der nichts Schroffes sich am Horizont zeigt, wird in dem ganzen Buch nicht eigentlich verlassen. Nur dass die Lieblichkeit uns nicht lange begleitet. Der Vater zieht in den Krieg. Und 1933, als Werner Schmidt zwanzig ist, wird es auf andere Weise unangenehm: „Mutter ist jüdischer Abstammung.“

          Zu den mehr oder weniger deutlichen Äußerungen, die er zu hören bekommt, treten administrative Maßnahmen an der Universität; erst bekommt er einen blauen Studentenausweis wie die Ausländer, dann einen roten, der ihn als „Nichtarier“ erkennbar machen soll. Sein Studium kann er fortsetzen; eine Prüfung muss er ausgerechnet im Fach „Rassenhygiene“ ablegen, er besteht mit der Note „genügend“. So ist der Bildungsgang von Werner Schmidt der politischen Unmöglichkeit abgerungen.

          Nichts sonst schützt sie

          Und der Angst. Man merkt sie der nun ganz veränderten Prosa an, in die Beschreibung dringen die Verhältnisse anders ein, sie werden nach bedrohlichen und manchmal auch hoffnungsvollen Zeichen abgesucht. Gerade noch kann er promovieren, aber nur unter der Bedingung, später nicht in Deutschland, sondern im Ausland zu praktizieren. Je näher der Krieg seinem Ende kommt, um so größer wird die Angst um die Mutter, deren Leben daran hängt, dass auch der Vater, inzwischen ein Endsechziger, weiterlebt; die Ehe schützt sie, nichts sonst. Schmidt wird als Arzt in die „Organisation Todt“ gezogen. Im Lazarett Rathen hört er die Bomber am 13. Februar auf Dresden anfliegen. Am übernächsten Tag fuhr er durch Dresden nach Radebeul, er sieht die „schaurigen Ruinen“, die „zerfetzten, verkohlten, durch Feuer geschrumpften Körper“.

          Eine Notiz, kurz vorher entstanden, gibt zu denken. „Frankfurt am Main, ein Uhr nachts. Fliegeralarm. Bunker am Hauptbahnhof. Hoffentlich laden sie tüchtig ab.“ Psychologisch verständlich, aus der Feder eines Arztes aber doch zynisch. Zynismus aber ist nicht der herrschende Ton dieser wertvollen und für alle Generationen wichtigen Erinnerungen eines Mediziners aus dunkler Zeit.

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