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Günter Grass’ Reden und Essays : Hier spricht ein engagierter Bürger

Günter Grass, der Unterstützer von Willy Brandt, 1976 bei einer SPD-Wahlkampfveranstaltung Bild: dpa

Eine neue, wunderschön produzierte Werkausgabe zeigt Günter Grass als Redner, der das liberale Deutschland von heute vorwegnahm.

          8 Min.

          Das ist es jetzt. Mehr wird nicht mehr kommen. Vierundzwanzig Bände in leuchtend rotem Leinen, zusammen mehr als zehntausend Seiten: Das literarische Werk von Günter Grass (1927 bis 2015) ist abgeschlossen. Die kürzlich im Steidl Verlag erschienene „Neue Göttinger Ausgabe“, herausgegeben von Dieter Stolz und Werner Frizen, wird wohl die letzte sein.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Mein Selbstversuch mit den Dünndruckbänden in der handgefertigten Holzkassette erstreckte sich über zehn Wochen. Unterbrochen wurde er von ausgedehnter Fontane-Lektüre, weil Grass einen mit seinem Fontane-Roman „Ein weites Feld“ (1995) selbst darauf bringt. Dabei machen sich im Vergleich einige Grass-Schwächen bemerkbar – ein gewisser biederer Humor, gerade wo er modernitätskritisch auftritt, Mangel an Weltläufigkeit und Eleganz. Seine Kritik an McDonald’s nährt sich vom ältesten Anti-Amerikanismus und ist damit ähnlich pomadig wie sein satirisch verkleidetes Befremden über das Internet in der Novelle „Im Krebsgang“ (2002). Aber das wusste man.

          In einem gewissen Sinn war Grass ja schon immer programmatisch uncool. Die Kaschuben, hat er geschrieben, „sind Altslawen, die eine aussterbende, mit deutschen und polnischen Lehnwörtern gespickte Sprache sprechen“. Das Besingen der verlorenen Danziger Heimat und das fremdartig klingende Deutsch haben schon „Die Blechtrommel“ (1959) zu einem sonderbaren Werk gemacht. Es setzte sich in „Katz und Maus“ (1961) und „Hundejahre“ (1963) fort. Doch dann hat dieser Steinmetz, Zeichner, Kleinbürger und Autodidakt die ganze übrige deutsche Literatur in die Tasche gesteckt. Nicht nur im Schreiben. Auch im Reden, Streiten, Debattieren.

          Jeder glaubt Bescheid zu wissen, wenn man „Grass“ sagt

          Wirkungsgeschichtlich gibt es zwei herausragende moderne Romane in Deutschland, „Buddenbrooks“ (1900) und „Die Blechtrommel“. Ihre Autoren, ob’s einem gefällt oder nicht, definieren die deutsche Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts: die erste Hälfte Thomas Mann; die zweite Günter Grass. Diese Repräsentativität hat das Grass-Bild geprägt, und weder er noch wir kommen davon los. Mit Sicherheit haben der frühe Ruhm, das expansive Ego und der kolossale Geltungsdrang dieses Schriftstellers auch Neider und Spötter auf den Plan gerufen. „Anruf von einer Redaktion genügt, und er verlautbart“, steht im „Berliner Journal“ von Max Frisch über den Berliner Nachbarn. „Als könne er Aktualität ohne Grass nicht ertragen. Wie heilt man ihn?“

          Er war unheilbar. Manche meiner Altersgenossen, denen ich von der Versenkung in das Werk des Nobelpreisträgers von 1999 erzählte, kommentierten trocken: „Du Ärmster!“ Ich schloss daraus, dass jeder Bescheid zu wissen glaubt, wenn man „Grass“ sagt. Als könnten wir den Mann, der 2006 bekannte, als Siebzehnjähriger der Waffen-SS angehört zu haben, zu den Akten legen und vergessen.

          Dann las ich in der Werkausgabe fast vollständig die vier fetten Bände „Essays und Reden“, und hinter dem Etikett Grass trat ein junger, kämpferischer Mann von endloser Energie hervor. Er tat, was niemand anderer tat: Auf derselben Höhe wie Literat wollte er ein verantwortungsvoller Bürger sein. Man pflegt die sechziger und siebziger Jahre unter dem Rubrum „SPD-Wahlkampf“ und „Engagement für Willy Brandt“ einzusortieren. Seit 2013 liegt bei Steidl auch der mehr als tausendseitige Briefwechsel zwischen Brandt und Grass vor, der die Zusammenarbeit akribisch dokumentiert und in dem Grass der Eifrige, Werbende, manchmal Bevormundende war.

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