https://www.faz.net/-gr0-9fng6

Enttarnung eines Pseudonyms : Wer ist Arthur Isarin?

Exzesse, irrwitzige Korruption, Hyperinflation: Moskau in den neunziger Jahren Bild: Evgeniya Kondakov

Sein Roman „Blasse Helden“ über das Moskau der neunziger Jahre machte uns das Russland von heute begreiflich. Nun zeigt sich der unbekannte Autor aus einer bekannten deutschen Schriftstellerfamilie. Eine Begegnung.

          Im Frühjahr erschien im Knaus-Verlag ein Roman, mit dem niemand gerechnet und den ein völlig unbekannter Autor geschrieben hatte. Es war ein Buch, das aus der Perspektive eines Deutschen vom Trauma und Exzess der neunziger Jahre in Moskau erzählte: von der Geburt der Neuen Russen, von irrwitziger Korruption, radikaler Privatisierung und zugleich furchtbarem Elend. Eine Erzählung, die nachvollziehbar machte, wie das System Wladimir Putins überhaupt möglich wurde, indem es die Jahre davor in den Blick nahm. Vor allem aber war es aus der Perspektive eines Insiders geschrieben, von jemandem, der – obwohl er von außen kam – Zugang zu den Kreisen der Geschäftemacher hatte, zu dekadenten Partys, und der als Rohstoffhändler in diese Geschäfte auch involviert war.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer war der Autor dieses Romans? Welcher deutsche Schriftsteller verfügte über so detailliertes Wissen vom Rohstoffhandel und dessen Verstrickungen in Politik und Geheimdienst und war zugleich ein so großer Kenner der russischen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, dass er im Roman Figuren von Gogol, Lermontow, Puschkin oder Dostojewskij wiederauferstehen ließ?

          Queensland, das klingt so merkwürdig unglaubwürdig

          Arthur Isarin stand auf dem Cover, ein Name, den man noch nie gehört hatte. Der Autor, hieß es im Klappentext, sei ein Deutscher, der Name ein Pseudonym. Er sei 1965 in München geboren worden, habe Philosophie, Politik und Ökonomie studiert, in England, den Vereinigten Staaten, Russland und Kasachstan gearbeitet. Heute lebe er in Queensland, Australien. „Blasse Helden“, so der Titel seines Buchs, sei sein erster Roman.

          Arthur Isarin hatte kein Gesicht. Ein Autorenfoto war im Buch nicht zu finden. Und vielleicht hätte man sich auch gar nicht gefragt, wie der Mann (oder die Frau?), der hinter dem Namen steckte, aussah, hätte der Satz „heute lebt er in Queensland, Australien“ nicht so merkwürdig und unglaubwürdig geklungen. Australien – das war, von Europa aus gesehen, so besonders weit weg, dass es wie ein Hinweis wirkte, man solle sich bitte keine Mühe machen, weiter nachzuforschen, um wen es sich handeln könnte. Es sei vergeblich. Wer kennt schon einen angehenden Schriftsteller mit deutscher Herkunft in Queensland, Australien?

          Das Buch überzeugte sofort die Kritik: „Blass mag der Held sein, der Roman ist es nicht“, hieß es im „Deutschlandfunk“; der Autor könne sich auch ohne Pseudonym „ohne Weiteres sehen lassen, doch wahrscheinlich gilt die Doppelbeschäftigung als Geschäftsmann und Romancier in Chefetagen weniger als Empfehlung denn als Risiko“, spekulierte Eberhard Falcke im „Deutschlandradio“. Wer Russland heute verstehen wolle, solle Isarin lesen, sagte der russische Schriftsteller Wiktor Jerofejew auf einer Veranstaltung der Leipziger Buchmesse. „Blasse Helden“ wurde auf die SWR-Bestenliste gewählt. Und für das Feuilleton der F.A.Z. traf Kerstin Holm sogar den Autor und führte mit ihm ein langes Gespräch, das im März erschien. Wer er war, erfuhr auch sie nicht, das war die Bedingung. Der Fotograf, der mit dabei war, sollte ihn so abbilden, dass sein Gesicht nicht zu sehen war. Wo hätte man ihn erkannt? Bei internationalen Rohstoffunternehmen? Oder beim russischen Geheimdienst?

          Die Kupfermine ist mehr ein Hobby

          Es geht in „Blasse Helden“ um einen jungen Deutschen, der Anfang der neunziger Jahre nach Moskau kommt und neun Jahre bleibt. Der sich ins Nachtleben begibt, in die Privatwohnungen von Intellektuellen, wo mit wilden Partys die neue Freiheit gefeiert wird; der im März 1993 die Verfassungskrise miterlebt, das Chaos in der Stadt, als Präsident Jelzin Panzer auffahren und Granaten auf das Parlament schießen lässt. Den seine dubiosen Geschäfte in die Ukraine führen, wo wegen eines Cholera-Ausbruchs die Quarantäne ausgerufen wird und er eine ganze Weile erdulden muss, was für die Bevölkerung Alltag ist: Hunger und Mangel an Trinkwasser. Bis im Herbst 1999 durch den Tschetschenienkonflikt der Terror Moskau erreicht und Putin die Szene betritt. Arthur Isarins Held geht, als Putin kommt. Es wird auf ihn geschossen. Der Geheimdienst versucht, ihn in der Transitzone am Flughafen zunächst noch aufzuhalten. Wie autobiographisch ist das alles? Und ist das tatsächlich Erlebte und die Angst vor der Wiedererkennbarkeit überhaupt der Grund für die Tarnung?

          Der Autor Isarin / von Schirach

          Arthur Isarin wohnt nicht in Queensland, Australien. Er wohnt in Bukarest. Als sich nach Monaten des Rätselns und der Nachfragen zu seiner Identität die Mutmaßung bestätigt, dass der Autor aus einer bekannten deutschen Schriftstellerfamilie kommt, und als er endlich beschließt, seine Anonymität aufzugeben, ermöglicht die Literaturagentin Elisabeth Ruge ein Treffen in Berlin-Mitte. In Australien besitze er Anteile an einer Kupfermine, sagt er. „Die Mine ist klein, mehr ein Hobby“, aber sie habe ihn auf die Idee gebracht, den Wohnsitz Arthur Isarins dort zu verorten.

          Der hoch gewachsene Mann ist Anfang fünfzig, mit grauem Bart und einem Gesicht, das ziemlich plötzlich zwischen melancholischem Ernst und freundlicher Aufgeschlossenheit hin- und herwechselt. Ein eher zurückhaltender Typ, an dessen Art zu sprechen man hört, dass er schon lange im Ausland lebt, ganz so, als habe sein Deutsch einen leichten amerikanischen Akzent. „Ich heiße Norris Benedikt von Schirach“, sagt er und holt mit dem Melancholie-Pokerface seinen Personalausweis aus der Tasche, als müsste er sich jetzt ausweisen. „Wir heißen komischerweise immer Benedikt oder Benedikta mit zweitem Vornamen, alle in unserer Familie.“ Er lächelt.

          Warum das Versteckspiel?

          Norris von Schirach ist der um ein Jahr ältere Bruder von Ferdinand von Schirach und wie dieser ein Enkel von Baldur von Schirach, der als Reichsjugendführer der NSDAP einer der führenden Nazis war. Warum das Versteckspiel? Und warum gibt er es jetzt auf? Da beginnt er, ganz von vorne zu erzählen: Er sei ziemlich schlecht in der Schule gewesen, habe nach vielen Internatswechseln in Rottweil gerade so das Abitur geschafft und dann bei einer Firma eine kaufmännische Ausbildung gemacht, die ihn glücklicherweise nach London schickte. Dort arbeitete er bei dem Versicherungsunternehmen Lloyd’s of London, ging nach New York, stellte fest, dass er ohne Studium sein Leben lang würde erklären müssen, warum er nicht studiert habe, und holte das – einfach, weil es dort am schnellsten ging – in Konstanz nach. „Und während ich mich in Konstanz langweilte, saßen in Berlin plötzlich Menschen auf der Mauer. Als ich das sah, wusste ich: Das ist es. Ich will jetzt in den Osten, so weit wie nur möglich. Ich wollte nach Sibirien.“

          Ihn kennt man in Deutschland gut: Bestsellerautor Ferdinand von Schirach, der jüngere Bruder.

          Wenn man normalerweise einen Roman liest und etwas über den Autor weiß, taucht irgendwann auch die Frage auf, was von dem, das der Autor erlebt hat, in die Literatur eingegangen ist. Bei „Blasse Helden“ ist es nun umgekehrt: Zuerst war der Held des Romans da, Anton – und erst jetzt der dazugehörige Autor. Wie viel von diesem Anton steckt in Norris von Schirach, fragt man sich deshalb, während der vor einem sitzt und seine Notizen ordnet. Und zunächst klingen Antons und Norris’ Biographien ausgesprochen ähnlich: „Ein Onkel von mir, ein Anwalt, hatte einen merkwürdigen Mandanten, der in Russland für mich ein Ansprechpartner war und der mir die postsowjetische Welt gezeigt hat. Ich kam an, als das Land an einem Tiefpunkt war. Es gab keine Straßenbeleuchtung, nicht genug zu essen, nicht mal in Moskau. Die Sowjetunion hatte sich aufgelöst, und die Leute sind in ein unglaubliches Vakuum gefallen. 1993 bin ich dann endgültig nach Moskau gezogen und zehn Jahre geblieben.“

          Sie haben Ihr Leben aufgeschrieben?

          Er schüttelt den Kopf. „Ich habe das, was ich im Roman beschreibe, alles erlebt, aber es ist nicht autobiographisch. Ich habe diese Szenen erlebt, die Typen, die Ereignisse und die Dialoge. An die Dialoge und den Sound erinnere ich mich am besten. Ich habe das alles für das Buch etwas komprimiert, bin aber wirklich nicht dieser Anton.“

          Anton ist im Roman nicht zufällig ein „blasser Held“. Er ist ein seltsam altmodischer Charakter in einer neuen Welt; eine Figur, die aus der russischen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts entstiegen zu sein scheint und als solche in eine politisch und gesellschaftlich neue Konstellation hineinversetzt wird. Norris von Schirach erinnert sich, dass er schon als Teenager eine große Affinität zu russischen Erzählern gehabt hat. „Seit ich denken kann, war mein großes Problem immer Langeweile, also habe ich zu Hause viel gelesen. Fernsehen hat mich schon damals nicht groß interessiert, Videos gab es noch nicht, aber man hatte Zugang zu Büchern. Und da bin ich bei den Russen hängengeblieben. Die gefielen mir besser als die deutschen, französischen und englischen Autoren, weil es da immer um die Frage geht: Wie soll man leben? Ich glaube, ich habe versucht, aus diesen Büchern eine Philosophie herauszudestillieren.“

          Das klang besser als „Buddenbrooks“

          Einmal habe er zuhause vor den Regalen gestanden und sei auf „Ein Held unserer Zeit“ von Lermontow gestoßen, das einfach auch besser klang als „Buddenbrooks“. Es habe ihn gleich gepackt, dass da ein gelangweilter Held, der eigentlich kein Held war, aus seiner Umgebung in den Dschungel Kaukasus flüchte. Petschorin heißt der bei Lermontow. Und in „Blasse Helden“ sei sein Anton eigentlich ein Petschorin light. Diese wurzellosen, von Ennui geplagten Außenseiter passten gut in die neunziger Jahre der ehemaligen Sowjetunion. Das sei das Komische in Russland: Man begegne ständig irgendwelchen Charakteren, die man aus den Büchern des neunzehnten Jahrhunderts zu kennen glaubt.

          Sibirien in den Neunziger Jahren: Der Roman macht uns eine Welt begreiflich, die unaufhaltsam auf das zusteuert, was heute andauert: die Herrschaft Wladimir Putins.

          Dass Norris von Schirach auch das Romantische gefällt, das man in der russischen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts findet, merkt man seinem Buch an. Zur Abenteuerlust kommt eine hingebungsvolle Verehrung der russischen Frauen, mit denen Anton (in dieser Hinsicht ist er gar nicht blass) eine Affäre nach der anderen beginnt und die im Roman eine besondere Rolle spielen, ganz einfach, weil sie stärker und interessanter sind als all die blassen Männer.

          Zynisch, opportunistisch, ohne Moral

          Anton ist vor allem moralisch gesehen besonders blass. Im Grunde hat er gar keine Moral, tendiert zum Zynismus und zum Opportunismus. Das größte Land der Welt hört auf zu existieren. Niemand weiß, wie es weitergeht. Alle sind pleite. Aber er fühlt sich wohl in diesem Vakuum und versteht es, aus der Situation Profit zu schlagen. Wie Norris von Schirach den Hunger in der Ukraine und die Partys in den Moskauer Nachtclubs wie dem „Fellini“ nebeneinanderstellt, das eine Zeitlang einer der zentralen Sammelplätze der wirklich Neuen Russen war; wie er von einem Konzert von Rostropowitsch im Konservatorium für dessen Freund Alexander Solschenizyn erzählt, von einen Geschäftstermin Antons bei einer Pina-Bausch-Aufführung und den Arbeitsbedingungen bei der Kohleförderung in Sibirien – all das macht eine Welt begreiflich, die unaufhaltsam auf das zusteuert, was heute andauert: die Herrschaft Wladimir Putins.

          Denn das ist das Politische an diesem Roman, dass er unerbittlich vor Augen führt, wie die hybride Erscheinung, die Putin verkörpert, eine Sehnsuchtsfigur für die verschiedensten Leute werden konnte: ein Allround-Mann, der den Zusammenbruch der Sowjetunion als die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet, sich in den neunziger Jahren aber selbst schamlos bereichert und aus dem KGB kommend enge Beziehungen zur organisierten Kriminalität unterhalten hat.

          Wer erkennt sich wieder?

          Haben Sie früher schon geschrieben?

          „Nein“, sagt Norris von Schirach. „Peinliche Gedichte, sonst nichts. Ich habe in Russland geschrieben, wenn etwas Interessantes passiert ist. Kein Tagebuch, sondern ein Notizbuch, auf das ich jetzt beim Romanschreiben zurückgegriffen habe. Die schlimmsten Geschichten konnte ich aufgrund von Persönlichkeitsrechten aber nicht verwenden.“

          Sie meinen, Menschen hätten sich trotz der literarischen Verfremdung wiedererkennen können?

          „Wer damals in Moskau in diesen Kreisen unterwegs war, der weiß schon, wer gemeint ist. Zu manchen habe ich den Kontakt verloren, andere sind verschwunden. Das ist nicht so untypisch für Russland. Kann sein, dass sie untergetaucht sind, jetzt irgendwo auf einer Südseeinsel sitzen oder Opfer eines Gewaltverbrechens geworden sind.“

          Die eigentliche Überraschung kommt aber erst dann. Es stellt sich heraus, dass die Persönlichkeitsrechte gar nicht der Grund für die Wahl des Pseudonyms sind und waren. Es ist sein Name: Schirach – gar nicht so sehr aufgrund des Nazi-Großvaters, sondern wegen der ganzen Schriftsteller in der Familie: „Ich wollte vor allem unvoreingenommene Leser und Kritiker haben und dachte, dass das nicht gegeben ist, wenn jetzt noch einer von denen schreibt. Das war der wichtigste Grund. Der Benni, also mein Cousin Benedict Wells, der Richard, Ariadne und natürlich mein Bruder Ferdinand – da steht dann nicht mehr das Buch im Vordergrund.“ Was den Großvater betrifft, fügt er noch hinzu, dass er in all den Jahren in Russland mit dem Namen nie ein Problem hatte und das an den Russen sehr bewundert habe. „Familie ist immer Schicksal, und so ein Schicksal muss man annehmen, es gibt natürlich eine lebenslange Auseinandersetzung mit dieser Person.“

          Erst jetzt, da die „Blassen Helden“ ein Eigenleben entwickelt haben und von Lesern und der Kritik gut aufgenommen wurden, nimmt Norris von Schirach auch sein Schriftstellerfamilienschicksal an. Er schreibe schon an einem zweiten Roman, der die Geschichte von Anton in New York weitererzählt. „Wie soll man leben, ist auch hier die Frage. Oder besser: Gibt es vielleicht doch ein richtiges Leben im falschen?“ Vielleicht wird wieder Arthur Isarin draufstehen.

          Weitere Themen

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Topmeldungen

          „Haltet uns nicht länger hin“ fordern Demonstranten vor der Sitzung des Klimakabinetts in Berlin.

          Klimakabinett : Warmlaufen für den Tag der Entscheidung

          Weil erst in zwei Monaten feststehen soll, wie Deutschland seine Klimaziele einhalten will, vertagt die Regierung Beschlüsse. Bei einem Thema sperrt sich der Wirtschaftsminister besonders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.