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Enttarnung eines Pseudonyms : Wer ist Arthur Isarin?

Zynisch, opportunistisch, ohne Moral

Anton ist vor allem moralisch gesehen besonders blass. Im Grunde hat er gar keine Moral, tendiert zum Zynismus und zum Opportunismus. Das größte Land der Welt hört auf zu existieren. Niemand weiß, wie es weitergeht. Alle sind pleite. Aber er fühlt sich wohl in diesem Vakuum und versteht es, aus der Situation Profit zu schlagen. Wie Norris von Schirach den Hunger in der Ukraine und die Partys in den Moskauer Nachtclubs wie dem „Fellini“ nebeneinanderstellt, das eine Zeitlang einer der zentralen Sammelplätze der wirklich Neuen Russen war; wie er von einem Konzert von Rostropowitsch im Konservatorium für dessen Freund Alexander Solschenizyn erzählt, von einen Geschäftstermin Antons bei einer Pina-Bausch-Aufführung und den Arbeitsbedingungen bei der Kohleförderung in Sibirien – all das macht eine Welt begreiflich, die unaufhaltsam auf das zusteuert, was heute andauert: die Herrschaft Wladimir Putins.

Denn das ist das Politische an diesem Roman, dass er unerbittlich vor Augen führt, wie die hybride Erscheinung, die Putin verkörpert, eine Sehnsuchtsfigur für die verschiedensten Leute werden konnte: ein Allround-Mann, der den Zusammenbruch der Sowjetunion als die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet, sich in den neunziger Jahren aber selbst schamlos bereichert und aus dem KGB kommend enge Beziehungen zur organisierten Kriminalität unterhalten hat.

Wer erkennt sich wieder?

Haben Sie früher schon geschrieben?

„Nein“, sagt Norris von Schirach. „Peinliche Gedichte, sonst nichts. Ich habe in Russland geschrieben, wenn etwas Interessantes passiert ist. Kein Tagebuch, sondern ein Notizbuch, auf das ich jetzt beim Romanschreiben zurückgegriffen habe. Die schlimmsten Geschichten konnte ich aufgrund von Persönlichkeitsrechten aber nicht verwenden.“

Sie meinen, Menschen hätten sich trotz der literarischen Verfremdung wiedererkennen können?

„Wer damals in Moskau in diesen Kreisen unterwegs war, der weiß schon, wer gemeint ist. Zu manchen habe ich den Kontakt verloren, andere sind verschwunden. Das ist nicht so untypisch für Russland. Kann sein, dass sie untergetaucht sind, jetzt irgendwo auf einer Südseeinsel sitzen oder Opfer eines Gewaltverbrechens geworden sind.“

Die eigentliche Überraschung kommt aber erst dann. Es stellt sich heraus, dass die Persönlichkeitsrechte gar nicht der Grund für die Wahl des Pseudonyms sind und waren. Es ist sein Name: Schirach – gar nicht so sehr aufgrund des Nazi-Großvaters, sondern wegen der ganzen Schriftsteller in der Familie: „Ich wollte vor allem unvoreingenommene Leser und Kritiker haben und dachte, dass das nicht gegeben ist, wenn jetzt noch einer von denen schreibt. Das war der wichtigste Grund. Der Benni, also mein Cousin Benedict Wells, der Richard, Ariadne und natürlich mein Bruder Ferdinand – da steht dann nicht mehr das Buch im Vordergrund.“ Was den Großvater betrifft, fügt er noch hinzu, dass er in all den Jahren in Russland mit dem Namen nie ein Problem hatte und das an den Russen sehr bewundert habe. „Familie ist immer Schicksal, und so ein Schicksal muss man annehmen, es gibt natürlich eine lebenslange Auseinandersetzung mit dieser Person.“

Erst jetzt, da die „Blassen Helden“ ein Eigenleben entwickelt haben und von Lesern und der Kritik gut aufgenommen wurden, nimmt Norris von Schirach auch sein Schriftstellerfamilienschicksal an. Er schreibe schon an einem zweiten Roman, der die Geschichte von Anton in New York weitererzählt. „Wie soll man leben, ist auch hier die Frage. Oder besser: Gibt es vielleicht doch ein richtiges Leben im falschen?“ Vielleicht wird wieder Arthur Isarin draufstehen.

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