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Enttarnung eines Pseudonyms : Wer ist Arthur Isarin?

Ihn kennt man in Deutschland gut: Bestsellerautor Ferdinand von Schirach, der jüngere Bruder.

Wenn man normalerweise einen Roman liest und etwas über den Autor weiß, taucht irgendwann auch die Frage auf, was von dem, das der Autor erlebt hat, in die Literatur eingegangen ist. Bei „Blasse Helden“ ist es nun umgekehrt: Zuerst war der Held des Romans da, Anton – und erst jetzt der dazugehörige Autor. Wie viel von diesem Anton steckt in Norris von Schirach, fragt man sich deshalb, während der vor einem sitzt und seine Notizen ordnet. Und zunächst klingen Antons und Norris’ Biographien ausgesprochen ähnlich: „Ein Onkel von mir, ein Anwalt, hatte einen merkwürdigen Mandanten, der in Russland für mich ein Ansprechpartner war und der mir die postsowjetische Welt gezeigt hat. Ich kam an, als das Land an einem Tiefpunkt war. Es gab keine Straßenbeleuchtung, nicht genug zu essen, nicht mal in Moskau. Die Sowjetunion hatte sich aufgelöst, und die Leute sind in ein unglaubliches Vakuum gefallen. 1993 bin ich dann endgültig nach Moskau gezogen und zehn Jahre geblieben.“

Sie haben Ihr Leben aufgeschrieben?

Er schüttelt den Kopf. „Ich habe das, was ich im Roman beschreibe, alles erlebt, aber es ist nicht autobiographisch. Ich habe diese Szenen erlebt, die Typen, die Ereignisse und die Dialoge. An die Dialoge und den Sound erinnere ich mich am besten. Ich habe das alles für das Buch etwas komprimiert, bin aber wirklich nicht dieser Anton.“

Anton ist im Roman nicht zufällig ein „blasser Held“. Er ist ein seltsam altmodischer Charakter in einer neuen Welt; eine Figur, die aus der russischen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts entstiegen zu sein scheint und als solche in eine politisch und gesellschaftlich neue Konstellation hineinversetzt wird. Norris von Schirach erinnert sich, dass er schon als Teenager eine große Affinität zu russischen Erzählern gehabt hat. „Seit ich denken kann, war mein großes Problem immer Langeweile, also habe ich zu Hause viel gelesen. Fernsehen hat mich schon damals nicht groß interessiert, Videos gab es noch nicht, aber man hatte Zugang zu Büchern. Und da bin ich bei den Russen hängengeblieben. Die gefielen mir besser als die deutschen, französischen und englischen Autoren, weil es da immer um die Frage geht: Wie soll man leben? Ich glaube, ich habe versucht, aus diesen Büchern eine Philosophie herauszudestillieren.“

Das klang besser als „Buddenbrooks“

Einmal habe er zuhause vor den Regalen gestanden und sei auf „Ein Held unserer Zeit“ von Lermontow gestoßen, das einfach auch besser klang als „Buddenbrooks“. Es habe ihn gleich gepackt, dass da ein gelangweilter Held, der eigentlich kein Held war, aus seiner Umgebung in den Dschungel Kaukasus flüchte. Petschorin heißt der bei Lermontow. Und in „Blasse Helden“ sei sein Anton eigentlich ein Petschorin light. Diese wurzellosen, von Ennui geplagten Außenseiter passten gut in die neunziger Jahre der ehemaligen Sowjetunion. Das sei das Komische in Russland: Man begegne ständig irgendwelchen Charakteren, die man aus den Büchern des neunzehnten Jahrhunderts zu kennen glaubt.

Sibirien in den Neunziger Jahren: Der Roman macht uns eine Welt begreiflich, die unaufhaltsam auf das zusteuert, was heute andauert: die Herrschaft Wladimir Putins.

Dass Norris von Schirach auch das Romantische gefällt, das man in der russischen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts findet, merkt man seinem Buch an. Zur Abenteuerlust kommt eine hingebungsvolle Verehrung der russischen Frauen, mit denen Anton (in dieser Hinsicht ist er gar nicht blass) eine Affäre nach der anderen beginnt und die im Roman eine besondere Rolle spielen, ganz einfach, weil sie stärker und interessanter sind als all die blassen Männer.

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