https://www.faz.net/-gr0-9fng6

Enttarnung eines Pseudonyms : Wer ist Arthur Isarin?

Die Kupfermine ist mehr ein Hobby

Es geht in „Blasse Helden“ um einen jungen Deutschen, der Anfang der neunziger Jahre nach Moskau kommt und neun Jahre bleibt. Der sich ins Nachtleben begibt, in die Privatwohnungen von Intellektuellen, wo mit wilden Partys die neue Freiheit gefeiert wird; der im März 1993 die Verfassungskrise miterlebt, das Chaos in der Stadt, als Präsident Jelzin Panzer auffahren und Granaten auf das Parlament schießen lässt. Den seine dubiosen Geschäfte in die Ukraine führen, wo wegen eines Cholera-Ausbruchs die Quarantäne ausgerufen wird und er eine ganze Weile erdulden muss, was für die Bevölkerung Alltag ist: Hunger und Mangel an Trinkwasser. Bis im Herbst 1999 durch den Tschetschenienkonflikt der Terror Moskau erreicht und Putin die Szene betritt. Arthur Isarins Held geht, als Putin kommt. Es wird auf ihn geschossen. Der Geheimdienst versucht, ihn in der Transitzone am Flughafen zunächst noch aufzuhalten. Wie autobiographisch ist das alles? Und ist das tatsächlich Erlebte und die Angst vor der Wiedererkennbarkeit überhaupt der Grund für die Tarnung?

Der Autor Isarin / von Schirach

Arthur Isarin wohnt nicht in Queensland, Australien. Er wohnt in Bukarest. Als sich nach Monaten des Rätselns und der Nachfragen zu seiner Identität die Mutmaßung bestätigt, dass der Autor aus einer bekannten deutschen Schriftstellerfamilie kommt, und als er endlich beschließt, seine Anonymität aufzugeben, ermöglicht die Literaturagentin Elisabeth Ruge ein Treffen in Berlin-Mitte. In Australien besitze er Anteile an einer Kupfermine, sagt er. „Die Mine ist klein, mehr ein Hobby“, aber sie habe ihn auf die Idee gebracht, den Wohnsitz Arthur Isarins dort zu verorten.

Der hoch gewachsene Mann ist Anfang fünfzig, mit grauem Bart und einem Gesicht, das ziemlich plötzlich zwischen melancholischem Ernst und freundlicher Aufgeschlossenheit hin- und herwechselt. Ein eher zurückhaltender Typ, an dessen Art zu sprechen man hört, dass er schon lange im Ausland lebt, ganz so, als habe sein Deutsch einen leichten amerikanischen Akzent. „Ich heiße Norris Benedikt von Schirach“, sagt er und holt mit dem Melancholie-Pokerface seinen Personalausweis aus der Tasche, als müsste er sich jetzt ausweisen. „Wir heißen komischerweise immer Benedikt oder Benedikta mit zweitem Vornamen, alle in unserer Familie.“ Er lächelt.

Warum das Versteckspiel?

Norris von Schirach ist der um ein Jahr ältere Bruder von Ferdinand von Schirach und wie dieser ein Enkel von Baldur von Schirach, der als Reichsjugendführer der NSDAP einer der führenden Nazis war. Warum das Versteckspiel? Und warum gibt er es jetzt auf? Da beginnt er, ganz von vorne zu erzählen: Er sei ziemlich schlecht in der Schule gewesen, habe nach vielen Internatswechseln in Rottweil gerade so das Abitur geschafft und dann bei einer Firma eine kaufmännische Ausbildung gemacht, die ihn glücklicherweise nach London schickte. Dort arbeitete er bei dem Versicherungsunternehmen Lloyd’s of London, ging nach New York, stellte fest, dass er ohne Studium sein Leben lang würde erklären müssen, warum er nicht studiert habe, und holte das – einfach, weil es dort am schnellsten ging – in Konstanz nach. „Und während ich mich in Konstanz langweilte, saßen in Berlin plötzlich Menschen auf der Mauer. Als ich das sah, wusste ich: Das ist es. Ich will jetzt in den Osten, so weit wie nur möglich. Ich wollte nach Sibirien.“

Weitere Themen

„The Great Hack“ Video-Seite öffnen

Trailer : „The Great Hack“

„The Great Hack“ läuft ab Mittwoch, den 24. Juli bei Netflix.

Gegen die Zombies

FAZ Plus Artikel: Erbe der Sowjetunion : Gegen die Zombies

Wo früher die Sowjetunion war, herrschen heute oft Diktatoren, alte Seilschaften und Korruption. Immer mehr junge Leute, denen die eingeimpfte, angstvolle Einordnung ins Kollektiv fremd ist, wollen einen anderen Weg gehen.

Topmeldungen

Neue Umfrage : Warum das Misstrauen wächst

Die Amerikaner sehen ihre Regierung und ihre Mitbürger immer skeptischer. Vor allem bei der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge zeigen sich viele verunsichert. Für den Vertrauensschwund geben sie unterschiedliche Gründe an.

FAZ Plus Artikel: Bergbau im Erzgebirge : Die Jagd nach dem Milliarden-Schatz

Im Erzgebirge wird an der ersten deutschen Erzmine seit dem Krieg gebaut. Ein Investor verspricht sichere Rohstoffe und Hunderte Arbeitsplätze. Doch Politiker interessiert es nicht, Behörden mauern und Anwohner rebellieren.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.