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Olga Tokarczuk Bild: TANIA/CONTRASTO/laif

Nobelpreis für Olga Tokarczuk : Phantasie und Provokation

„Die Phantasie ist das Segel des Schiffes, das mit uns an Bord in die Zukunft fährt“: Was macht das Werk von Olga Tokarczuk aus, die nun endlich bestimmte Nobelpreisträgerin des Jahres 2018 ist?

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          Olga Tokarczuk, die nun endlich bestimmte Nobelpreisträgerin des Jahres 2018, ist das, was viele polnische Intellektuelle – Konservatismus hin, Katholizismus her – eben doch kennzeichnet: Sie ist im besten Sinne des Wortes unkonventionell, rebellisch und mit Lust an der Provokation ausgestattet. Mit Phantasie ohnehin; Phantasie ist, frei nach Václav Havel, die Waffe der Schwachen, die Macht der Ohnmächtigen, und Machthaber und Zensoren, fremde wie eigene, hatten den Polen über zwei Jahrhunderte immer wieder beizubringen versucht, dass sie jetzt schwach und ohnmächtig seien.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Phantasie hilft: Als Kuratorin eröffnete Tokarczuk im Mai das jährliche Festival der Buchhandelskette Empik, das in sechs polnischen Städten gleichzeitig stattfand, und sie sprach dabei von den „Instrumenten“, die es uns ermöglichten, einen Blick in die Zukunft zu werfen. „Ganz sicher ist eines davon, vielleicht das wichtigste, die Phantasie; befeuert von Unruhe und Unsicherheit, ist sie in der Lage, sowohl warnende, düstere Visionen zu schaffen als auch Utopien voller Anziehungskraft. Die Phantasie ist das Segel des Schiffes, das mit uns an Bord in die Zukunft fährt.“

          Handlung in fernen Epochen

          Lust an der Provokation war es wohl, die Tokarczuk dazu brachte, vor fünfzehn Jahren in dieser Zeitung einen Abgesang auf den Roman als Gattung anzustimmen („darauf können wir verzichten“): „Der Roman soll in Trance versetzen, die Erzählung dagegen der Aufklärung dienen.“ Doch die Verleger wollten immer nur Romane, „ganz nach der Krämermentalität, für die der Wert eines Werkes sich nach den Arbeitsstunden errechnet“; Erzählungen würden als Lockerungsübung der Schriftsteller oder als „harmloses Vergnügen“ verachtet. Dabei gehöre den Erzählungen die Zukunft: Aufgrund unserer fragmentierten Wahrnehmung und Reizüberflutung seien wir wie Insekten mit ihren Facettenaugen – „wir sehen alles in kleinen Stücken, in Puzzeln, und nur wenige haben die Zeit und den Mut, das zu einem Ganzen zusammenzusetzen“.

          Bücher-Podcast
          In der März-Folge des F.A.Z.-Bücher-Podcasts:

          Hat sich das Warten auf den neuen Roman von Ingo Schulze gelohnt? Kommt Literatur dabei heraus, wenn man Autoren bittet, nach Regeln der Einfachen Sprache zu schreiben?

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          Olga Tokarczuk beherrscht beide Formen. 1962 wurde sie als Kind von Vertriebenen, die Polens Ostgebiete hatten verlassen müssen, in Schlesien geboren und ist dort, im heutigen polnisch-tschechischen Grenzgebiet, aufgewachsen. Sie studierte Psychologie und arbeitete als Therapeutin. Nach frühen Gedichten wandte sie sich der Prosa zu. Die Handlung verlegt sie gern in entlegene Epochen, etwa in die „deutsche“ Zeit Schlesiens, oder in ferne Regionen, ins Frankreich des siebzehnten Jahrhunderts, wo der parabelhafte Roman „Die Reise der Buchmenschen“ spielt. Mit ihm erzielte sie 1993 ihren ersten Erfolg – doch zunächst nur in Polen. Die internationale Anerkennung kam drei Jahre später mit „Ur und andere Zeiten“. Hier beschreibt sie über das zwanzigste Jahrhundert hinweg das Leben in einem mittelpolnischen Dorf (in der deutschen Übersetzung, wie zumeist von Esther Kinsky, heißt es „Ur“). Freude und Leid der Menschen sind der Stoff, das Schicksal Hiobs, neu interpretiert mit den Augen C.G. Jungs, der die Autorin inspiriert hat. „Seine Sprache benennt das, was ich ahne – auf diese Weise weckt mich Jung aus dem Tiefschlaf“, sagte sie einmal. Tokarczuk habe die polnische Prosa erneuert, wurde daraufhin geschrieben, und eine große „mythographische“ Leistung vollbracht.

          Weitere Romane erweiterten den Kreis ihrer Stoffe. In „Der Gesang der Fledermäuse“ versucht eine in Schlesiens Bergen lebende Lehrerin, eine Serie von Morden an Jägern aufzuklären. Eine Art Tierschützerroman, der als Zivilisationskritik gelesen werden konnte – oder auch, wie ein Rezensent befand, als „esoterischer Schmus“. Doch er passte in unsere Zeit und eignete sich auch für die Verfilmung (durch Agnieszka Holland): „Die Spur“ gewann 2017 auf der Berlinale den Alfred-Bauer-Preis.

          Ihr jüngstes und sehr umfangreiches Werk sind die gerade im Zürcher Kampa-Verlag erschienen „Jakobsbücher“, wie schon der Untertitel verrät eine „Reise über sieben Grenzen, fünf Sprachen und drei große Religionen“ im achtzehnten Jahrhundert. Hauptfigur ist der Mystiker Jakob Frank, der polnische „Luther der Juden“, der seine Gefolgschaft zweimal die Religion wechseln ließ und sich am Ende nach einer Odyssee quer durch Europa in Offenbach ansiedelte. Die farbige Schilderung des alten Ostpolens in diesem Buch hat jüngst selbst Jaroslaw Kaczynski angezogen, den Chef der nationalkonservativen Regierungspartei PiS; er verriet in einem Chat mit jungen Internetnutzern, er lese den Roman gerade.

          Dabei zählt Tokarczuk zu Kaczynskis schärfsten Kritikern im Land. Nach Erscheinen der „Jakobsbücher“ sagte sie, die Polen als Nation, als „Kolonisatoren (ihrer östlichen Nachbarvölker), Sklavenhalter und Mörder von Juden“ hätten „furchtbare Dinge“ getan. Darauf brach eine Welle des Hasses über sie herein, handfeste Drohungen eingeschlossen. Tokarczuk, die heute großenteils in der Breslauer Altstadt zu Hause ist, ist keine Autorin, die politisch auf Dauerfeuer eingestellt ist. Umso wichtiger sind ihre gelegentlichen Interventionen. In diesen Tagen ist die Nobelpreisträgerin in Deutschland auf Lesereise.

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