https://www.faz.net/-gr0-8k4u5

Susan Sontag und Thomas Mann : Vielleicht war da auch gar kein Hund

  • -Aktualisiert am

Darüber hinaus weicht Sontag in einigen markanten Punkten von den tatsächlichen Begebenheiten des 28. Dezember 1949 ab: Ein Freund namens „Harry“ etwa, von dem als einzigem Begleiter Susans die Rede ist, taucht weder in den persönlichen Tagebuchnotizen noch in „Pilgrimage“ auf – und Thomas Mann spricht im Tagebuch ausdrücklich von „drei Chicagoer Studenten“, die ihn besucht hätten.

Vom „Jungen von gegenüber“ zum Intellektuellen

Es geht Susan Sontag offenbar weniger um eine nüchterne Dokumentation der Geschehnisse im Hause Thomas Mann. Vielmehr ist „At Thomas Mann’s“ wohl ein hintergründiges Plädoyer für das wirklichkeitsstiftende Potential des Erzählens. Sontag eröffnet sich durch den Besuch bei Thomas Mann zudem ein grundlegender Aspekt moderner Autorschaft: nämlich, wie bedeutend technisch erzeugte Bilder des Autors für das innere Bild des Lesers von diesem sind. Und kaum eine andere intellektuelle Figur des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich derart offensiv für die Kameras in Szene gesetzt wie eben Susan Sontag.

Ihr damit verbundenes kritisches Nachdenken über das Medium der Fotografie, das sie Jahrzehnte später theoretisch ausbuchstabieren wird, zeichnet sich bereits an dieser Stelle ab: „Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen sich anhand von Fotos erinnern, sondern dass sie sich nur an die Fotos erinnern“ - auf diesen Satz aus dem Jahr 2003 lässt sich das Problem zurückführen, das Sontag in ihrem frühen Essay umreißt.

Aber die Erzählung geht in literaturbezogenen Fragen allein nicht auf. So berichtet die Erzählerin, dass ihr Freund Harry, „der Junge von gegenüber“, seinerzeit erst mühsam an die Lektüre des „Zauberberg“ und an das intellektuelle Gespräch herangeführt werden musste: „Einen Intellektuellen aus Harry zu machen, darin bestand in der High School mein sadistisches Hauptvorhaben.“

Der Chemiekasten

Das Problem besteht in der ungleichen Persönlichkeitsentwicklung der beiden Freunde: Anstatt sich nämlich dem gelehrten Gespräch und der hohen Literatur zu widmen, „wollte Harry immer noch Gestapo spielen und mit meinem Chemiekasten ein supertödliches Ameisenvernichtungsmittel entwickeln“. Indem Sontag die nationalsozialistische Geheimpolizei mit dem Motiv des Chemiebaukastens und dem „super-tödlichen Ameisenvernichtungsmittel“ engführt, entwirft sie ein doppelbödiges Bild - und damit eine recht deutliche Anspielung auf den Holocaust.

Eine weitere Erwähnung des Chemiekastens findet sich am Schluss des Textes. Die Zigarette, die Thomas Mann seiner Besucherin anbot, hat diese, halb abgebrannt, als ein Andenken bewahrt, und sie fügt hinzu: „Sie muss immer noch zwischen meinen Tagebüchern, Muscheln und Chemiekästen in Mutters Garage in Los Angeles liegen.“

Genau jenes Motiv, das im Zusammenhang mit der Gestapo-Erwähnung als Holocaust-Anspielung fungiert, taucht also im Kontext der Begegnung mit Thomas Mann, inmitten der ungeordneten Artefakte einer Kindheit, noch einmal auf. Ohne dass der Begriff ausdrücklich genannt wird, ist die Erzählung „At Thomas Mann’s“ also auch eine über Deutschland. Die deutsche Kultur, das ist schon für die junge Susan Sontag offenkundig eine Kultur der Extreme, die auf ungeklärte Weise Faschismus, Völkermord und Hochliteratur in sich vereint.

Damit erweist sich die zunächst sehr persönliche Reflexion über eine außergewöhnliche Begegnung als tief verankert im zeithistorischen Kontext und gewinnt an allgemeiner und überliterarischer Bedeutung. Wie Susan Sontag einmal Thomas Mann besuchte - das war weit mehr als eine überraschende Anekdote für die Biographen, nämlich der Brennpunkt einer vielschichtigen Konstellation der transatlantischen Literatur- und Ideengeschichte.

Weitere Themen

Topmeldungen

Reaktion auf Vorsitzendenwahl : Wie Friedrich Merz seinen Trumpf verspielte

Der Wunsch, Minister zu werden, kostet Friedrich Merz Unterstützung im eigenen Lager. Führende CSU-Leute üben sich bei Kommentaren zum neuen CDU-Vorsitzenden derweil in Zurückhaltung – um sich die Gunst des eigenen Chefs zu sichern.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.