https://www.faz.net/-gr0-yhcv

Was soll die Ukraine in Europa? : Bitte beobachten Sie mein Land!

  • -Aktualisiert am

In der ukrainischen Stadt Saporishja wird ein Stalin-Denkmal enthüllt Bild: REUTERS

In der Ukraine gehen die Uhren rückwärts: Keine sechs Monate nach den letzten Wahlen ist vom einstigen demokratischen Aufbruch kaum noch etwas übrig. Der Autor Juri Andruchowytsch beschreibt die „innere Okkupation“ seines Landes und richtet einen Appell an Europa.

          6 Min.

          Es ist wohl Zeit, dass ich mich ernsthaft mit meinem Unterbewusstsein befasse. Meine Träume gefallen mir ganz und gar nicht. Seit einigen Monaten suchen sie mich mit erstaunlicher Aufdringlichkeit und beständiger Regelmäßigkeit heim. Ungefähr seit dem Moment, als die ukrainische Wirklichkeit selbst begann, dem totalen Traum zu gleichen. Und am schlimmsten ist, dass man nicht daraus erwachen kann. Er wird mindestens zehn Jahre dauern, verkünden die unverbesserlichen Optimisten. Also mindestens zwei Amtszeiten des jetzigen Präsidenten.

          Aber zurück zu meinen Träumen und dem Thema, das sie durchzieht. Sie handeln von einem Attentat. Ich bin das letzte Glied in einer konspirativen Kette. Ich verfüge über ein Gewehr mit Zielfernrohr und eine günstige Beobachterposition. Meine Aufgabe ist es, auf einen hohen Funktionsträger zu schießen und so das Land zu retten. Er stellt ein gutes Ziel dar – groß und behäbig, wie er ist. Aber ich kann die Sache einfach nicht zu Ende führen und abdrücken. Schlecht, solche Träume zu haben. Ich schäme mich für sie.

          Obwohl sie in letzter Zeit seltener geworden sind. Haben etwa die Leute, die in diesem Jahr in der Ukraine an die Macht kamen, die Durchsetzung ihrer „Reformen“ verlangsamt? Verlassen mich meine extremistischen Träume deshalb?Vielleicht aber ist alles schlimmer, die Gewöhnung setzt ein, und meine Sensoren werden unempfindlich. So wird es wohl sein – verlangsamt wurde nämlich gar nichts.

          Juri Andruchowytsch
          Juri Andruchowytsch : Bild: Christian Thiel

          Es geht um Revanche

          Die heutige Ukraine bietet reichhaltiges Lehrmaterial zum Thema „Die Brüchigkeit der Demokratie oder Wie man uns zurück in die Diktatur treibt“. Wäre ich ein ausländischer Politikwissenschaftler, ich säße hier und stellte Beobachtungen an, protokollierte die „Reformen“. Dann wäre ich beruflich erfüllt und glücklich. Ich bin jedoch weder Politikwissenschaftler noch Ausländer, ich bin Einwohner dieses Landes, und so bleiben mir nur die geballte Faust und die Träume meines Unterbewusstseins.

          Aber was heißt hier überhaupt Reformen? Es geht um Revanche. Der Mensch, der die „Beleidigung des Jahres 2004“ tief verinnerlicht hat, genießt seine Rache in vollen Zügen. Der vierte Präsident der Ukraine, Viktor Janukowitsch, ist in unserer Geschichte der erste „Minderheitspräsident“ – im zweiten Wahlgang erhielt er weniger als 49 Prozent der Stimmen. Daher schien es, er werde als Präsident noch weniger durchsetzungsfähig sein als sein Vorgänger es war. Aber so schien es nur uns Naiven, die wir glaubten, die Verfassung eines Landes sei unantastbar. Wie sich zeigt, geht es gar nicht um die Verfassung, sondern darum, die Mehrzahl der Richter des Verfassungsgerichts zu kontrollieren.

          Schon Mitte März hatte der neugewählte Präsident mit erstaunlich leichter Hand die ganze Macht ergriffen und das Land um 180 Grad gewendet. Heute verfügt er über eine hörige Parlamentsmehrheit, die zu nicht anderem fähig als seine Befehle auszuführen und die Opposition zu ignorieren. Das jüngste Beispiel ist die nächtliche Abstimmung über das Gesetz über die Grundlagen der Außenpolitik in der vergangenen Woche. Von den 420 Änderungsanträgen der Opposition wurde kein einziger angenommen. Als entscheidend im innerparlamentarischen Kampf erwies sich die physische Konstitution – die Fähigkeit, dem Gegner die Nase blutig zu hauen oder den Schädel einzuschlagen. Und was die Zahl ehemaliger Freistilkämpfer, Boxer oder Leibwächter in ihren Reihen betrifft, kennt die Präsidentenpartei nicht ihresgleichen.

          Weitere Themen

          Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

          In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

          Topmeldungen

          Auch in Ungarn sind nicht alle mit Orbans Politik einverstanden: Protest gegen das Gesetz zur Homosexualität am 14. Juni in Budapest

          Empörung aus dem Ausland : Viktor Orbáns Lebenselexier

          Von einer „Elite“, gegen die Viktor Orbán kämpfen könnte, ist in Ungarn wenig übrig. Deshalb setzt der Ministerpräsident darauf, dass seine Gesetzesvorhaben aus dem Ausland angegriffen werden.
          Das Wahlplakat der Grünen

          #Allesistdrin : Die schöne Welt mit Lastenrad

          Ein Wahlplakat der Grünen zeigt eine vierköpfige Familie, die mit einem Lastenfahrrad durchs Grüne fährt. Und es zeigt ein Problem, das die Partei in ihrer Ansprache hat.
          Objekt des Kulturkampfes von Liberalen und Konservativen: Schüler unterschiedlicher Hautfarbe in Großbritannien

          Britische Debatte um Weißsein : Wer ist hier benachteiligt?

          Der Bildungsausschuss des britischen Unterhauses rechnet mit dem Begriff des „white privilege“ ab. Benachteiligt seien weiße Arbeiterkinder in den Schulen. Aktivisten werfen den Konservativen Kulturkampf vor.
          Das beleuchtete Kriegsmahnmal in Wolgograd - dem früheren Stalingrad - am Abend des 21. Juni 2021

          Überfall auf die Sowjetunion : Die langen Nachwirkungen des Vernichtungskriegs

          Die von Deutschen im Krieg gegen die Sowjetunion verübten Gräuel müssen endlich die Beachtung finden, die ihnen angesichts ihres unglaublichen Ausmaßes zukommt. Nicht nur aus moralischen, sondern auch aus politischen Gründen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.