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Georges Simenon : Sein Leben in Lausanne

Bloß kein Luxus: Simenon im Jahr 1975 in seinem Haus in Lausanne. Bild: Picture-Alliance

Nirgendwo sonst wohnte der belgische Schriftsteller Georges Simenon so lange wie am Genfer See. Dort liegt auch der Großteil seines Nachlasses. Was geschieht damit?

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          Irgendwann im Jahr 1973 stand der Schriftsteller Georges Simenon auf dem Balkon seiner Wohnung in einem der oberen Stockwerke eines für Lausanne unpassend hohen Apartmenthauses und blickte herab auf die Schweizer Stadt am Genfer See. Da sah er, fast zu Füßen seines Wohnturms, ein langgestrecktes niedriges Gebäude mit gaubenbesetztem Spitzdach, das mitten in diesem modern bebauten Stadtteil einen geradezu archaischen Anachronismus darstellt: als eine Seite eines engen Hofs, dessen andere von einem Kutschgebäude gebildet wird – Relikt aus einer Zeit, als Lausanne noch nicht beliebtes Domizil der Reichen, Steuerflüchtigen oder Angestellten des hier residierenden Internationalen Olympischen Komitees war (manchmal überlappen sich diese Eigenschaften). Simenon, 1903 geboren, aber schon seit längerem nicht mehr gut zu Fuß, reich, wohl auch steuerflüchtig, war erst im Vorjahr in das benachbarte Hochhaus eingezogen und machte sich Sorgen, was geschähe, wenn der Aufzug ausfiele.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Da lockte das nur zweigeschossige Häuschen am Boden, und da er im Jahr zuvor auch das Schreiben offiziell eingestellt hatte, brauchte er die seit Jahrzehnten gewohnte großzügige Umgebung dafür nicht mehr. Er kaufte den Mittelteil des alten Gebäudes: eine Wohnung mit gerade einmal vier Zimmern und einem kleinen Garten. Simenon nannte es nur das „kleine rosa Haus“. Dort lebte er bis in sein Todesjahr 1989.

          Für die letzten sechs Monate aber verließ er es noch einmal und zog abermals ins exakte Gegenteil: in eine Zweizimmersuite im höchsten Geschoss des Luxushotels „Beau Rivage“, dem ersten Haus in Lausanne, gleich am Seeufer. Das erfolgte allerdings unfreiwillig, denn nunmehr brauchte Simenon wegen Lähmungserscheinungen auch in seiner Winzbehausung im kleinen rosa Haus einen Aufzug und einige andere Erleichterungen mehr. Doch noch während der Umbauarbeiten starb er in seiner Suite. Neben einem Flügel im Wohnzimmer, auf dem er nicht spielen konnte, und mit Panoramablick auf die Alpen am Südufer des Sees, während er im kleinen rosa Haus immer nur vor der hinteren Glastür gesessen und auf den kleinen Garten hinausgeschaut hatte. Das war ihm, der aus kleinsten Verhältnissen stammte, sechzehn Jahre lang mehr als genug gewesen.

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          In den fast dreißig Jahren seither ist die Hotelsuite komplett renoviert worden, und nichts in ihr erinnert an den prominenten Bewohner. Mutmaßlich kann man zwar Literaturtouristen mit Sterbezimmern locken, sie aber nicht zu Hotelgästen machen: Eine Suite mit Seeblick wird an diesem Wochenende für 1200 Euro pro Nacht angeboten. Selbst Simenons Wikipedia-Eintrag behauptet zudem, er wäre im kleinen rosa Haus gestorben.

          Allerdings besinnt man sich im „Beau Rivage“ gerade auf die Werbewirksamkeit des berühmten Namens und plant in naher Zukunft ein paar Veranstaltungen im Haus gemeinsam mit Simenons Sohn John, der als einziges Familienmitglied noch in Lausanne lebt und sich dort um die Verwaltung des Erbes kümmert. Die Suite aber wird wohl nicht nach Georges Simenon benannt werden – und schon gar nicht in jenen Zustand zurückversetzt, der auf den wenigen erhaltenen Fotos aus Simenons sechs Monaten dort dokumentiert ist.

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