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Zum 150. Geburtstag : Was man über Proust lesen muss – und was nicht

Nichts ist so reich wie unser eigenes Bewusstsein: Marcel Proust (1871 bis 1922) mit etwa dreißig Jahren. Bild: Picture-Alliance

Vor 150 Jahren wurde Marcel Proust geboren. Aus diesem Anlass erscheinen viele Bücher über ihn. Welche davon taugen etwas? Und welche sollte man meiden?

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          Kein Schriftsteller dürfte so wenig mit eigenen Lesern gerechnet haben wie Marcel Proust. Im letzten Band seines Romanzyklus „À la recherche du temps perdu“ (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) heißt es, dass jeder Leser, wenn er lese, nur ein Leser seiner selbst sei: „Das Werk des Schriftstellers ist lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte sehen können.“ Und ein paar hundert Seiten weiter, kurz vor Ultimo, nimmt Proust diesen Gedanken fast wortgleich noch einmal auf und bekräftigt, dass er deshalb gar nicht an etwaige Leser denke: „Sie würden meiner Meinung nach nicht meine Leser sein.“ Weil Leser immer nur nach sich selbst suchen. Aber die „Recherche“ gibt ihnen einiges zu finden, weil diesem Buch nichts Menschliches fremd ist.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Marcel Proust wurde vor 150 Jahren geboren, und er wird derzeit gelesen wie nie zuvor. Da im kommenden Jahr dann auch noch der hundertste Todestag ansteht, überbieten die deutschsprachigen Verlage sich mit Publikationen. Da jedoch das literarische Werk keine großen Entdeckungen bereithielt (Suhrkamp publiziert immerhin die jüngst in Frankreich aufgetauchten „Frühen Erzählungen“, F.A.Z. vom 19. Oktober 2019), ist Prousts Leben Hauptgegenstand dieser Bücher. Die Neugier darauf war immer schon groß, weil die „Recherche“ von Beginn an als Schlüsselroman gelesen wurde, in den nahezu alles Eingang gefunden haben soll, was Proust selbst erlebt hat. Dass zugleich kein anderes Buch so viel über uns andere erzählt, macht das Dasein seines Autors zu einem beinahe unheimlichen Phänomen: Wir alle stecken da mit drin. Doch dann kommt der Schriftsteller Michael Kleeberg, selbst Teilübersetzer der „Recherche“, und charakterisiert ungeachtet des begeisterten Gedenkens an Geburt und Tod des Schriftstellers die Zeit dazwischen so: „Es gibt kaum ein langweiligeres Schriftstellerleben als das Marcel Prousts.“

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