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Literaturauszeichnung : Was der Büchner-Preis für Emine Sevgi Özdamar bedeutet

Emine Sevgi Özdamar Bild: Heike Steinweg/SV

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung setzt ihre Verjüngungsoffensive beim Büchnerpreis nicht fort, aber weiter auf Qualität: Nach Clemens J. Setz im Vorjahr wird diesmal die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar bedacht.

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          Als die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung vor einem Jahr ihren mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis an den österreichischen Schriftsteller Clemens J. Setz vergab, war das spät, aber immerhin eindrucksvoll die Bestätigung für einen Vorsatz, dem sich der Präsident Ernst Osterkamp 2017 zum Amtsantritt verschrieben hatte: die Akademie jünger zu machen. Nicht nur, dass Setz damals erst 38 Jahre zählte (und damit zu den jüngsten Trägern dieses nicht nur höchstdotierten, sondern auch bedeutendsten deutschsprachigen Literaturpreises), er hat vor allem auch ein junges Publikum. Das kann man von den wenigsten Akademiemitgliedern sagen.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Mit der diesjährigen Preisvergabe an Emine Sevgi Özdamar kommt nun ein anderer Vorsatz Osterkamps zum Zuge, schon zum wiederholten Mal: die Akademie weiblicher zu machen (von Diversität im geschlechtsmultiplen Sinne war 2017 dort noch keine Rede; das kommt aber sicher bald auch). Seit 2017 inszeniert die Darmstädter Institution bei der Vergabe ein ausgewogenes Wechselspiel der Geschlechter: Jan Wagner, Terézia Mora, Lukas Bärfuss, Elke Erb, Clemens J. Setz und nun eben Emine Sevgi Özdamar. Man mag die Überraschung vermissen, wenn in jedem Jahr durch solche (natürlich offiziell unerklärte) Quotierung jeweils eine Hälfte der möglichen Kandidaten entfällt, aber der Büchnerpreis ist ja keiner, der überraschen will. Sondern bestätigen. Und natürlich auch die Akademie selbst attraktiv machen, gerade in Krisenzeiten, wo man um jede öffentliche Mittelvergabe zu kulturellen Zwecken fürchten muss.

          Mit Emine Sevgi Özdamar folgt auf Setz keine junge Autorin (sie ist Jahrgang 1946), aber ein ähnliches Temperament. Beide sind entschiedene Schriftsteller in dem Sinne, dass sie sich in ihren Idiosynkrasien nicht irre machen lassen. Özdamars im vergangenen Jahr erschienenes Opus magnum, der autobiographische Roman „Ein von Schatten umgrenzter Raum“, ist in der radikalen Subjektivität, mit der da über die Türkei, Berlin und vor allem Paris in den siebziger und achtziger Jahren erzählt wird, unbequem, weil er weder sprachliche noch thematische Rücksichtnahme kennt. Aber genau darin bildet er jene Zeit und deren Theaterpraxis, um die sich viel dreht, perfekt ab.

          Ozdamar wurde in der Türkei geboren, seit 1975 lebt sie in Berlin, wo sie am Theater reüssierte, als Autorin ebenso wie als Bühnenbildnerin, und prägende Jahre verbrachte sie in diesen Funktionen in Paris. Die deutsche Sprache machte sie zu der ihren, und sie war damit eine Vorläuferin all jener jungen Autoren unserer Zeit, deren Migrationshintergrund die deutschsprachige Literatur um Lebenswirklichkeiten erweitert hat, die das breite Publikum nicht kennt. Und um eine Sprache, die bereichert wird durch die Kenntnisse anderer Idiome – und die Genauigkeit von Autoren, die nicht in ihrer Muttersprache schreiben.

          Der Büchnerpreis ist lange als eine reine Lebenswerkauszeichnung betrachtet worden ist und drohte damit den Anschluss an die aktuelle Literatur zu verlieren. Diese Gefahr scheint mittlerweile gebannt. Und auch wenn Emine Sevgi Özdamar bereits in ihren Siebzigern ist, steht sie gerade auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Für „Ein vom Schatten umgrenzter Raum“ gab es ja schon etliche andere Ehrungen: den Roswitha-Preis, den Bayerischen Buchpreis, den Düsseldorfer Literaturpreis, den Schillerpreis der Stadt Mannheim. Die Akademie bestätigt also mit dem Büchnerpreis einmal mehr, betont aber in ihrer Begründung auch die Kontinuität, in der dieser jüngste Roman steht. Die Entscheidung für Emine Sevgi Özdamar ist eine konsequente aus dem Selbstverständnis der Institution heraus. Aber auch aus der Sicht eines durchaus großen Publikums, das diese Autorin nun wieder erreicht hat, nachdem sie es vor dreißig Jahren, beginnend mit dem Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Preises 1991 und dann dem Roman „Das Leben ist eine Karawanserei – hat zwei Türen – aus einer kam ich rein aus der anderen ging ich raus“ samt dessen beiden Nachfolgern, schon einmal für ein Jahrzehnt hatte.

          Wer Özdamar bereits hat reden hören dürfen, weiß, dass man sich bei ihrer Dankesrede auf etwas gefasst machen darf. Kompromisse schließt sie weder politisch noch ästhetisch. Die Preisverleihung findet in diesem Jahr am 5. November statt, wie üblich im großen Saal des Darmstädter Staatstheaters.

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