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Szczepan Twardoch : Ein Morphinist taumelt durch die Nacht

  • -Aktualisiert am

Als Spross einer Bergbaufamilie markiert Szczepan Twardoch ganz bewusst den Sozialaufsteiger. Er fährt gerne schnelle Schlitten und pflegt ansonsten eine Goldkettchenmännlichkeit, die manchen Kulturbürger in seiner Heimat auf die Palme bringt. In seinen Büchern tritt er provokant, aber undogmatisch auf. Und er wehrt sich gegen die Idee eines homogenen Polentums. Bild: Zuza Krajewska

Der herrenlose Schriftsteller: Szczepan Twardoch legt sich in seinen Romanen und Schriften mit allen politischen Lagern seiner Heimat Polen an.

          6 Min.

          Der polnische Bestsellerautor Szczepan Twardoch hatte nie vorgehabt, Schriftsteller zu werden. Es war nur so, dass er beim Schreiben seiner Masterarbeit über die Französische Revolution buchstäblich platzte. Erst platzten Buchstaben aus ihm heraus, dann Sätze, dann größere Sinneinheiten. Und dann fragte er sich, wie Europas Schicksal wohl verlaufen wäre, wenn sich die Dinge anders entwickelt hätten oder vielmehr: woanders. Wenn die Revolution in Wien ausgebrochen wäre und nicht in Paris. Am Ende hatte Szczepan Twardoch eine Masterarbeit geschrieben über die Französische Revolution. Und einen Roman mit alternativer Geschichtsschreibung. Er erschien in einem polnischen Science-Fiction-Magazin. Das war der Grundstein einer Autorenkarriere, die fortan die Geschichte Polens als Steinbruch benutzte. Aus ihr lässt sich Menschliches und Allzumenschliches besser abtragen als aus jeder gegenwärtigen Sachlage. Denn seine eigene Zeit durchschaut man nicht. Wenn man aber durch das Teleskop der Geschichtsschreibung schaut, funktioniert das ganz gut.

          In „Morphin“, Twardochs erstem internationalen Bestseller, wird die Geschichte des kriegsverletzten Reserveoffiziers Konstanty Willemann erzählt. Der Roman spielt Ende der dreißiger Jahre in einem sehr sündigen Warschau. Willemann taumelt als Morphinist durch die Nacht. Er ist nicht, wie die offizielle Geschichtsschreibung unter der rechtskonservativen PiS-Regierung es heute wieder will, patriotisch, sondern hedonistisch. Der Roman präsentiert auch sonst eine Anhäufung eher pathologischer Charaktere. Es wimmelt von impotenten, feigen oder stümperhaften Männern – darunter auch Generäle der polnischen Armee. Statt Märtyrerpathos gibt es bei Twardoch nur Sündenpfuhl. Als Willemann am Ende doch noch zum Widerstandskämpfer wird, geschieht es aus Versehen. Wie in allen anderen Büchern stellt Twardoch auch in diesem großen Anti-Front-Roman die Leitfrage seines Schreibens: Gibt es einen Sinn in der Geschichte? Oder bleibt alles so, wie es immer gewesen ist, weil zwar die Institutionen, aber nicht die Menschen evolvieren? Sind Ideologien nicht reine Chimären, die den Menschen in eine ihm wesensfremde Vereindeutigung treiben?

          Herrschaft der gleichmachenden Gewalt

          Szczepan Twardoch ist Schlesier. Er wohnt mit seiner Familie in einem Ort unweit von Gleiwitz. Das Dorf Pilchowice ist seine Hajmat, wie es auf Schlesisch heißt. Unter Hitler hieß Pilchowice Bilchengrund, weil das so schön germanisch klang. Polen, Deutsche, Russen: Alle waren sie hier und benannten Ortschaften nach Lust und Laune um. Das muss deswegen betont werden, weil Twardoch selbst es immer wieder betont. Er hat sogar einen ganzen Roman geschrieben, der sich um ein schlesisches Familienschicksal dreht. Zerrissen zwischen den territorialen Ansprüchen der diensthabenden Nationen kommt die Familie Magnor darin von einer Zwangslage in die nächste. In „Drach“ herrscht gleichmachende Gewalt vom Mittelalter über die Schlesieraufstände der zwanziger Jahre, den Zweiten Weltkrieg, die Zwangspolonisierung nach 1945, die turbokapitalistische Phase nach 1989 bis hin ins einundzwanzigste Jahrhundert – und wieder zurück. Mal kämpfen oder leben die Magnors auf der Seite der Polen, dann auf der Seite der Deutschen, dann kommen die Russen, kommt die EU, kommt das Neue Polen. Ein wüstes Hin und Her, dem die Landschaft, das war Twardochs metaphysischer Clou, vollkommen gleichgültig gegenüberstand. Es lag deshalb nah, diesen Hajmat-Roman von einer allwissenden Erzählerin entfaltet zu bekommen. Und so war es die Erde selbst, die in spektakulären Sprüngen auf der Zeitachse vom Schicksal der Menschen erzählte.

          Doch das Schicksal des Einzelnen prallte in dieser Erzählanordnung an der empathielosen Natur ab wie Wassertropfen auf einer Teflonpfanne. Twardochs großer Schlesien-Roman aus dem Jahr 2012 war damit ein Novum. Er war ein ebenso moralisches wie amoralisches Buch. Und er war ein packender historischer Roman, dessen Erzählperspektive bewusst ahistorisch blieb. Geschichte, die in Geschichtsphilosophie aufgeht, situiert im ehemaligen Bergbaugebiet von Oberschlesien, das heute dem deindustrialisierten Ruhrgebiet ähnelt. In einem Interview sagt Twardoch einmal, Schlesiens Hauptstadt Katowice sei oft so ausgestorben, weil die Leute alle zu Hause vor ihrem Dosenbier säßen. Wie das Ruhrgebiet ist Schlesien heute eine Mischung aus abgetakeltem Industriestandort und avantgardistischer Kulturlandschaft. Schlesisch zu sprechen, diese im Verschwinden begriffene Sprache zwischen Polnisch, Tschechisch und Deutsch, ist sogar ein bisschen en vogue, was aber laut Twardoch nicht heißt, dass sie von wirklich vielen Menschen benutzt würde.

          Pflege einer Goldkettchenmännlichkeit

          Twardoch jedenfalls betont seine sprachliche Herkunft gerne. Aber nicht aus sektiererischem Regionalismus, sondern verstanden als Unabhängigkeitserklärung von nationalistischen Vereinnahmungen. Es sei das Fließende der schlesischen Identität, das ihn und seine Familie präge.

          „Der herrenlose Schriftsteller“ heißt eine Online-Kolumne Twardochs. Darin legt er sich mit allen politischen Lagern an. Die PiS-Regierung hält er für bedenklich, er warnt aber vor einer Überdramatisierung der Situation. Seine Freiheit als Künstler und Intellektueller sei nicht gefährdet. Von sich selbst sagt er, er sei keine Tomatensuppe, die jedem schmecke. Er lebt ganz gut von diesem Image. Und deswegen pflegt er es.

          Als Spross einer Bergbaufamilie markiert Szczepan Twardoch bewusst den Sozialaufsteiger, der in Polen als Werbemodel für Mercedes auf sich aufmerksam machte. Twardoch fährt selbst gerne schnelle Schlitten, tritt im Dreireiher mit Sonnenbrille auf und pflegt ansonsten eine Goldkettchenmännlichkeit, die manchen Kulturbürger in Polen auf die Palme bringt. Wenn man Twardoch allerdings bei einem längeren Gespräch in einem Berliner Café gegenübersitzt, hat man es mit einem feinsinnigen Menschen zu tun, der ohne affige Selbstinszenierung, ja fast schutzlos Auskunft gibt über sich – auch über seine intellektuellen Irrtümer.

          Die ewige Wiederkehr der Geschichte

          Denn längere Zeit galt Twardoch in Polen als Rechter. Allerdings nicht als einer, der den Nationalmythos Polens als Opfernation kultivierte. Das Gegenteil tat Twardoch nämlich, indem er in seinen Romanen polnisches Mitläufertum thematisierte oder wie zuletzt in seinem Genre-Bestseller „Der Boxer“ den polnischen Antisemitismus. Konservativ an ihm war eher, dass er einen starken Staat forderte, dass er sein Schlesiertum hochhielt und das erdverbundene Ethos der Bergarbeiterklasse. Hinzu kommt, dass Twardoch in seinen literarischen Anfängen esoterischen Kram geschrieben hat, und zwar in einem raunenden Ernst-Jünger-Sound. Im jetzt im Rowohlt Berlin Verlag erschienen Arbeitstagebuch „Wale und Nachtfalter“ bezieht sich Twardoch auch auf ihn.

          Die ewige Wiederkehr der Geschichte, die Ästhetisierung des Kampfes und damit das künstlerische Desinteresse an der Figur des Aktivisten. Obwohl es in allen Twardoch-Romanen nach allen Regeln des Genres nur so wimmelt von Opfern, ist seine Literatur nämlich keineswegs engagiert. Über allem schwebt ein höheres Gesetz. In seinen drei ins Deutsche übersetzten Romanen wird stets von einer übermenschlichen Erzählinstanz berichtet. In „Morphin“ von einer Schicksalsgöttin, in „Drach“ von der Erde selbst und im letzten großen Romanerfolg „Der Boxer“ schwebt über den Köpfen der Canaillen im jüdischen Gangstermilieu des Jahres 1937 ein Pottwal, der Menschen verschlingt und ihre irdischen Probleme so zu Krümeln auf dem Speiseplan eines Riesensäugers bagatellisiert. Es ist das Mantra der erzählenden Erde aus „Drach“, dass nichts von Bedeutung sei. Auch in diesem Geschichtsfatalismus liegt ein konservatives Moment.

          Szczepan Twardoch sagt im Gespräch, „Drach“ sei wie eine griechische Tragödie angelegt. Aufrechte Menschen träfen darin Entscheidungen, und das Schicksal schlage zu. Das menschliche Leben sei Teil der Natur. Und diese Sicht mache er sich in künstlerischer Perspektive zu eigen. Das spiegle aber nicht seine Meinung als polnischer Bürger, Vater zweier Söhne und Europäer wider. Das, was in „Drach“ von der raunenden Erde behauptet werde, sei nicht sein „persönlicher Gospel“.

          „Tagebuch vom Leben und Reisen“

          Inzwischen bezeichnet Szczepan Twardoch sich selbst als Linken, sein Konservatismus beziehe sich eher darauf, einen starken Staat im Sinne eines funktionierenden Staates zu wollen. Mit der EU, sagt Twardoch, seien auf einmal tolle Straßen in Polen gebaut worden. Aber das Gesundheitssystem funktioniere nicht, Gleiches gelte für die öffentlichen Schulen und andere Institutionen des Gemeinwesens. Twardoch will gute und vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten für möglichst viele. So spricht wahrlich kein Konservativer.

          Nach diesem langen Berliner Vormittag mit dem polnischen Starautor Szczepan Twardoch wird deutlich, dass man es sich mit ihm nicht leichtmachen kann. Twardoch ist provokant, aber undogmatisch. Ganz im Sinne der Kulturtheoretikerin Maria Janion, die von einem „westöstlichen Bewusstsein“ der Polen sprach, wehrt er sich in seinen Büchern gegen die Idee eines homogenen Polentums. Um seinen Landsleuten ein paar unangenehme Wahrheiten über sich selbst zu verkaufen, zwirbelt er sie in eine packende Story. „Der Boxer“ ist ein tarantinohafter Actionroman am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, der seinen Lesern polnischen Faschismus und Antisemitismus des Jahres 1937 nicht erlässt. Die Fortsetzung des Romans ist in Deutschland für das kommende Frühjahr geplant. In der Zwischenzeit kann man in Twardochs „Tagebuch vom Leben und Reisen“ herumlesen. Darin wird man auf einen etwas melancholischen Beobachter stoßen. Und auf einen großen Leser, der sich nach alter Kumpeltradition überall das herausklopft, was ihn interessiert. Manchmal kommen dabei alternative Geschichtsentwürfe heraus. Manchmal auch edle Wahrheiten.

          Vor seiner Laufbahn als Schriftsteller habe er eine Weile mit antiken Waffen gehandelt, erzählt Szczepan Twardoch noch beim Abschied. Säbel, Degen, Bajonette. Keine Frage, dieser Mann ist auch ein Vertreter der sogenannten Dritten Generation. Die Geschichte ist nicht mehr nur unmittelbarer moralischer Auftrag an die kommenden Generationen, sondern auch ein bisschen Asservatenkammer des fröhlichen Phantasten.

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