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Szczepan Twardoch : Ein Morphinist taumelt durch die Nacht

  • -Aktualisiert am

Als Spross einer Bergbaufamilie markiert Szczepan Twardoch ganz bewusst den Sozialaufsteiger. Er fährt gerne schnelle Schlitten und pflegt ansonsten eine Goldkettchenmännlichkeit, die manchen Kulturbürger in seiner Heimat auf die Palme bringt. In seinen Büchern tritt er provokant, aber undogmatisch auf. Und er wehrt sich gegen die Idee eines homogenen Polentums. Bild: Zuza Krajewska

Der herrenlose Schriftsteller: Szczepan Twardoch legt sich in seinen Romanen und Schriften mit allen politischen Lagern seiner Heimat Polen an.

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          Der polnische Bestsellerautor Szczepan Twardoch hatte nie vorgehabt, Schriftsteller zu werden. Es war nur so, dass er beim Schreiben seiner Masterarbeit über die Französische Revolution buchstäblich platzte. Erst platzten Buchstaben aus ihm heraus, dann Sätze, dann größere Sinneinheiten. Und dann fragte er sich, wie Europas Schicksal wohl verlaufen wäre, wenn sich die Dinge anders entwickelt hätten oder vielmehr: woanders. Wenn die Revolution in Wien ausgebrochen wäre und nicht in Paris. Am Ende hatte Szczepan Twardoch eine Masterarbeit geschrieben über die Französische Revolution. Und einen Roman mit alternativer Geschichtsschreibung. Er erschien in einem polnischen Science-Fiction-Magazin. Das war der Grundstein einer Autorenkarriere, die fortan die Geschichte Polens als Steinbruch benutzte. Aus ihr lässt sich Menschliches und Allzumenschliches besser abtragen als aus jeder gegenwärtigen Sachlage. Denn seine eigene Zeit durchschaut man nicht. Wenn man aber durch das Teleskop der Geschichtsschreibung schaut, funktioniert das ganz gut.

          In „Morphin“, Twardochs erstem internationalen Bestseller, wird die Geschichte des kriegsverletzten Reserveoffiziers Konstanty Willemann erzählt. Der Roman spielt Ende der dreißiger Jahre in einem sehr sündigen Warschau. Willemann taumelt als Morphinist durch die Nacht. Er ist nicht, wie die offizielle Geschichtsschreibung unter der rechtskonservativen PiS-Regierung es heute wieder will, patriotisch, sondern hedonistisch. Der Roman präsentiert auch sonst eine Anhäufung eher pathologischer Charaktere. Es wimmelt von impotenten, feigen oder stümperhaften Männern – darunter auch Generäle der polnischen Armee. Statt Märtyrerpathos gibt es bei Twardoch nur Sündenpfuhl. Als Willemann am Ende doch noch zum Widerstandskämpfer wird, geschieht es aus Versehen. Wie in allen anderen Büchern stellt Twardoch auch in diesem großen Anti-Front-Roman die Leitfrage seines Schreibens: Gibt es einen Sinn in der Geschichte? Oder bleibt alles so, wie es immer gewesen ist, weil zwar die Institutionen, aber nicht die Menschen evolvieren? Sind Ideologien nicht reine Chimären, die den Menschen in eine ihm wesensfremde Vereindeutigung treiben?

          Herrschaft der gleichmachenden Gewalt

          Szczepan Twardoch ist Schlesier. Er wohnt mit seiner Familie in einem Ort unweit von Gleiwitz. Das Dorf Pilchowice ist seine Hajmat, wie es auf Schlesisch heißt. Unter Hitler hieß Pilchowice Bilchengrund, weil das so schön germanisch klang. Polen, Deutsche, Russen: Alle waren sie hier und benannten Ortschaften nach Lust und Laune um. Das muss deswegen betont werden, weil Twardoch selbst es immer wieder betont. Er hat sogar einen ganzen Roman geschrieben, der sich um ein schlesisches Familienschicksal dreht. Zerrissen zwischen den territorialen Ansprüchen der diensthabenden Nationen kommt die Familie Magnor darin von einer Zwangslage in die nächste. In „Drach“ herrscht gleichmachende Gewalt vom Mittelalter über die Schlesieraufstände der zwanziger Jahre, den Zweiten Weltkrieg, die Zwangspolonisierung nach 1945, die turbokapitalistische Phase nach 1989 bis hin ins einundzwanzigste Jahrhundert – und wieder zurück. Mal kämpfen oder leben die Magnors auf der Seite der Polen, dann auf der Seite der Deutschen, dann kommen die Russen, kommt die EU, kommt das Neue Polen. Ein wüstes Hin und Her, dem die Landschaft, das war Twardochs metaphysischer Clou, vollkommen gleichgültig gegenüberstand. Es lag deshalb nah, diesen Hajmat-Roman von einer allwissenden Erzählerin entfaltet zu bekommen. Und so war es die Erde selbst, die in spektakulären Sprüngen auf der Zeitachse vom Schicksal der Menschen erzählte.

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