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Von Prag nach Berlin : Die auffällige Bescheidenheit des tschechischen Volkes

  • -Aktualisiert am

Potential ist (noch) vorhanden

Natürlich war Prag nicht immer eine vor sich hin dümpelnde Stadt. Zwischen den beiden Kriegen kam es in der damaligen ČSR zu einer regelrechten kulturellen Explosion. Svevo kannte beide Aggregatzustände seiner Stadt, Triest. Ich kannte in meiner Jugend nur kaputtes Gemäuer und das Gefühl, der Zusammenbruch des Stadtorganismus stünde unmittelbar bevor. Man konnte in Prag allerdings auch etwas anderes ahnen, man spürte das nicht ganz dezimierte Potential der Menschen. Dies zeigte sich zum Beispiel bei der Weltausstellung in Montreal 1967, als die Besucher die unerwartet erfolgreichen Ausstellungen und Aufführungen im tschechischen Pavillon stürmten.

Und was an kreativen Kräften dann 1968 innerhalb von nur acht Monaten frei wurde! Natürlich wurde kürzlich auch der Oktoberrevolution gedacht. Mein lieber Erschießungsscholli, entweicht mir da fast unwillkürlich. Hat sich in der Zeit der vielen Rückblicke jemand die Mühe gegeben, auf Lenins geheime Telegramme und Depeschen aus der Revolutionszeit aufmerksam zu machen, die nach der Öffnung der Archive in den neunziger Jahren gefunden wurden? Es sind Mordbefehle, Massenliquidierungsordern, Anweisungen, wie aufständische Städte mit Feuer oder durch Hunger ausgelöscht werden sollen. „fangen und erschießen“ steht da ganz undialektisch. „Diesem Gesindel muss ein Denkzettel verpasst werden . . .“

Vielleicht waren die dem Zerfall geweihten DDR-Hafenstädte so etwas wie geistige Partnergemeinden von Triest? Dem möchte ich an dieser Stelle widersprechen, wenn auch nicht unbedingt leninistisch. Dabei habe ich die im Braunkohledunst vor sich hin hustende DDR in vollen Zügen – kann man so sagen – auch genossen! Meine etwas abartige Lust, Hässlichkeit aus einer gewissen Distanz zu genießen, half mir dabei; und Ekel zog mich sowieso immer an. Im Vergleich zu Prag war Ost-Berlin immerhin viel ehrlicher, hier täuschte der Sozialismus nichts vor, protzte nicht mit fremder Pracht. Und wenn in der Ost-Berliner winddurchfluteten Leere irgendwo doch etwas an Pracht herumstand, ging man nicht hin.

Selbsterkenntnis dank Schriftstellertum

Da war mir die Rummelsburger Bucht, die nachts wie ein vollgelaufener Krater nach einem Vulkanausbruch aussah, viel lieber. In der Rummelsburger Bucht, nachts auf meinem Rennrad, verzaubert zwischen riesigen Haufen von Schutt und zu feuchtem Staub zerfallenen Brikettsplittern wusste ich: Hier bin ich richtig. Ein Satz aus meinem Georg-Roman: „Wo auch immer es nach Endzeitstimmung, Auslöschung und nach existentiellen Implosionen aussah oder roch, dort sah ich zuerst hin – und offenbar wollte ich auch gern dahin.“ Dank der Arbeit an diesem Roman habe ich zum Glück entschlüsselt, was vielleicht hinter diesem seelischen Magnetismus bei mir stecken könnte. Dass Italo Svevo beim Schreiben – trotz seiner Skepsis der Psychoanalyse gegenüber – einiges auch über sich selbst begreifen konnte, steht außer Zweifel.

Beim grob unvernünftigen Verhalten meiner Freunde und Bekannten bürgerte sich in unserer Familie der folgende Spruch ein: „Das Unbewusste ist groß und mächtig.“ Romain Rolland, glaube ich, hat es wesentlich pathetischer ausgedrückt: „Das Bewusstsein ist nur der Schaum auf dem Ozean des Unbewussten“. Ettore Schmitz hat einige Schichten dieses Ozeans auf jeden Fall berührt.

Der Autor

Jan Faktor, geboren 1951 in Prag, zog 1978 nach Ost-Berlin und lebt seitdem in Deutschland. Er ist Schriftsteller. Diese Rede, die wir gekürzt wiedergeben, hielt er als Dank für die Verleihung des diesjährigen Italo-Svevo-Preises in Hamburg.

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