https://www.faz.net/-gr0-9c3hr

Von Prag nach Berlin : Die auffällige Bescheidenheit des tschechischen Volkes

  • -Aktualisiert am

Lieber linker Antikommunist als Rechter

Ich bin 1951 geboren, und erst viel später wurde mir klar, dass die Kriegserinnerungen der Älteren noch ganz frisch waren. Meiner Großmutter verbot ich als Kind, auf der Straße Deutsch zu sprechen. Und später? Nach einigen wenigen Jahren in Ost-Berlin – medial lebte ich dort inzwischen auch ausschließlich im Westen – war ich kein astreiner Tscheche mehr. Svevo – zeitversetzt gesehen – als mein Landsmann im großen Gefängnis der kaiserlich-königlichen Völker? Den Gedanken lasse ich lieber unberührt links liegen, obwohl die Tschechen es eine Zeitlang unter den Habsburgern sicher besser gehabt hätten als unter Stalin. Mitten im Absatz lieber ein neues Thema: In der letzten Zeit konnten wir doch noch andere Jubiläen feiern. Marx’ „Kapital“ (Band eins) wurde 150; und Marx selbst, dieser doch idealistische Großphantast, neuzeitliche Demiurg, dieses psychologisch unbeleckte Unschuldslamm wurde vor zweihundert Jahren geboren. Verehrt wird er massenhaft ausgerechnet in China, wo mit den Arbeitern genau das passiert, wogegen sich Marx’ absolut berechtigte Empörung gerichtet hatte und was seine Kapitalismuskritik bis heute legitimiert.

Meine Frau löste eines meiner vielen Probleme, in dem sie mich eines Tages geistesgegenwärtig – um mir das Etikett eines Rechten zu ersparen – einen linken Antikommunisten nannte. Menschlicher Sozialismus? Wie schön und hoffnungsvoll, sagt heute immer noch der eine oder andere Deutsche gern. Die kommunistischen Parteien machten überall auf der Welt grobe Fehler, heißt es, und die tschechoslowakische KP wollte 1968 wenigstens einen echten Neuanfang wagen; mit anderen Worten: kaputtes Geschirr mit Zwei-Komponenten-Kleber wieder gebrauchsfähig machen. „Ihr habt Fehler begangen, sagt ihr?“, schreibt (ich paraphrasiere) der Dichter Jan Zábrana in seinem geheimen Tagebuch; seine Eltern waren in den fünfziger Jahren aus politischen Gründen lange inhaftiert. „Höre ich richtig . . . Fehler begangen? Nein – ihr habt Menschen umgebracht!“ In den Lagern des tschechischen GULags – gemessen an der Größe des Landes stand er dem sowjetischen nur unwesentlich nach – wurde nach 1948 nachweislich Vernichtung durch Arbeit betrieben. Und was stand über dem einen oder anderen Lagertor? Sie haben’s erraten: „Arbeit macht frei“.

Halten wir uns aber lieber an Svevo, der es geschafft hat, seine Literatur politisch nicht zu kontaminieren. Sonst wäre er heute sicher vergessen. Eine solitäre Begabung in vielerlei Hinsicht. Er hat eine ganz lange Durststrecke heil überstanden. Er wurde nicht bitter, auch dank seines privaten Glücks nicht missgünstig oder ungerecht. Auch eine Leistung. Natürlich könnte ich hier wieder versuchen, Svevos Welt und meine ehemalige oder heutige einigermaßen schlüssig zueinander in Beziehung zu setzen. Sage aber nur Folgendes, und das müsste reichen: Er war unter anderem auch ein großer Humorist! Aber dazu komme ich noch.

Weitere Themen

Topmeldungen

Haben verschiedene Vorstellungen vom „Wiederaufbau“: Angela Merkel und Sebastian Kurz

Österreichischer Bankchef : Lob für Merkel, Kritik an Kurz

„Einen wirklich großartigen Plan“ nennt der Chef der größten österreichischen Bank den Vorschlag, die EU solle gemeinsame Schulden machen und das Geld als Zuschüsse an Krisenstaaten vergeben. Bernhard Spalt geht damit auf Konfrontation zu Kanzler Kurz.
„Ich soll innerhalb von einer Stunde Stellung nehmen. Ich habe Besseres zu tun“, schrieb Drosten über die Anfrage der „Bild“

„Bild“ gegen Drosten : Die versuchte Vernichtung

Die Kampagne der „Bild“-Zeitung gegen den Virologen Christian Drosten legt vor allem eines offen: Das Desinteresse vieler an den Fakten für eine angemessene Pandemie-Politik.

Sieg im Bundesliga-Topspiel : Der FC Bayern beendet den BVB-Traum

Dortmund wollte gegen den deutschen Rekordmeister mithalten, verliert aber nach einem packenden Duell samt Traumtor. Damit zieht der FC Bayern im Kampf um die Meisterschaft weiter davon. Und dem BVB droht nun eine weitere herbe Enttäuschung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.