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Von Prag nach Berlin : Die auffällige Bescheidenheit des tschechischen Volkes

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Wer nicht jammert, hat mehr vom Leben, sage ich mir immer. Und die Tschechen müssten natürlich nicht unbedingt jammern – die vielen wertvollen Immobilien der einstigen fremden Herrn blieben dort stehen, wo sie nun mal hingebaut worden waren. Auch die seinerzeit hochentwickelte Industrie des Landes war das Erbe der k.u.k.-Monarchie. Und es gibt sowieso noch viele andere wunderbare Zufälle in der Geschichte, die einen – wenigstens für Augenblicke – glücklich machen können.

Ein Hoffnungsschimmer namens Svevo

Ob im persönlichen Leben oder in der Literaturgeschichte. Und im Grunde würde ich hier viel lieber über solche Dinge sprechen, weil ich in dieser Hinsicht nur Glück hatte. Auch wenn der Erfolg von Italo Svevo nicht von langer Dauer war, verbinde ich sein Aufleuchten mit Glücksmomenten, die ich als Leser noch in Prag hatte. Wobei mich natürlich künstlerische Provokationen und Skandale damals viel mehr beeindruckten. Aber der Name Svevo klang und klingt nach wie vor, den Namen kannte man in Prag natürlich gut, und man wusste: Da war doch etwas, nicht nur die Begegnung mit Joyce. Die lange Zeit der Resignation, das Glück der späten Anerkennung – das ist eine Geschichte, die man nicht vergisst, ein Traum von vielen.

Natürlich bemühe ich mich einerseits, im Hier und Jetzt zu bleiben, andererseits so viel wie möglich über Italo Svevo zu erzählen. Trotzdem noch dies: Wenn ein Tscheche nach 1968 das Land verließ, dann ging er in den Westen. Welcher Idiot ging schon in die DDR? Ich, der stille Bursche und Hinterwäldler, der in Prag nicht jeden Tag Rias oder SFBeat hören konnte, ist auch in der ruhigen DDR das Risiko eingegangen, in dieser vernischten Fremde ein Fremder zu bleiben. Die Deutschen hätten keinen Humor, hieß es immer. In den Kreisen, in die ich dank meiner Frau kam, wurde unerwartet viel gelacht. Das Problem war ein ganz anderes – und ich bin dann für einige Jahre so gut wie verstummt: Die Freunde meiner Frau waren Marxisten, steckten im illegalen Zirkelwesen und standen links von der SED. Für mich nach der Erfahrung von 1968 war das wie ein Schlag auf meinen Selbstverständnis-Solarplexus. Intellektuell – also was meine marxistisch-hegelianische Bibelfestigkeit betraf – konnte ich mit diesen Leuten natürlich nicht mithalten. Diese sympathischen Quatsch- und Querköpfe, gestützt auf ihre westdeutschen Achtundsechziger-Vorbilder, wussten einfach alles besser. Und außerdem: ihr Selbstbewusstsein, die Lautstärke ihrer Stimmen und ihr germanisch-tribalistischer Gruppenzusammenhalt! Ich gehörte trotzdem dazu. Wie ich mir diese Diskrepanz, diese Fremdheit und Befremdung aber heute lobe!

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