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Von Prag nach Berlin : Die auffällige Bescheidenheit des tschechischen Volkes

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Von der Residenzstadt zur Provinz

Die Unterwerfung meines Landes nach der dümmlich verlorenen Schlacht am Weißen Berg 1620 war eine nationale Katastrophe. Die Spitzen des vom Katholizismus abgefallenen böhmischen Adels wurden hingerichtet, ebenfalls Prager Patrizier und Gelehrte. Unter anderen der Rektor der Karlsuniversität, Jesenius, ein Vorfahre von Milena Jesenská. Und ein gewaltiger Exodus setzte ein. Und die Sieger, geschäftstüchtige Warlords, Plünderer und Machtüberschießer wie Waldstein wurden belohnt, der große Ausverkauf des Landes begann, die Habsburg-Treuen übernahmen riesige, frisch enteignete Ländereien. Was allein Waldstein auf der Prager Kleinseite niederreißen ließ, um sich seinen Palast und den weitläufigen Garten mitten im längst bebauten Teil der Kleinseite errichten zu lassen!

Prag wurde zu einer Provinzstadt degradiert, und Wien sollte endgültig Residenzstadt bleiben. In Prag wurde trotzdem weiter gebaut, zerstört, dann barock geprotzt und aufgetrumpft. Die Erklärung ist einfach: Alle diese Prachtbauten waren – nicht nur nebenbei – demonstrative Machtsymbole der katholischen Herrschaft, die Paläste der Wiener Statthalter gleichzeitig Festungen fürs Steinwerden der Verhältnisse. Die Kirche bereicherte sich maßlos und baute auch, die jesuitischen Mullahs sorgten für ausreichende Mengen Angst. Und man baute und baute weiter. Heute staunt man: Wie schön, wie üppig, wie geschmackvoll. Das Volk sprach zum Glück weiter Tschechisch, aber nur auf bildungsfernem Niveau, versteht sich.

Tschechien bleibt das besiegte Volk

„Bescheidenheit ist eine Zier, besser lebt man ohne ihr“ – diesen Spruch kenne ich von meiner Frau, die ihn wiederum von ihrem Vater kennt. Und ich versuche hier die ganze Zeit – wenigstens unterschwellig – auch über die zurückhaltende, nicht exzentrische Art menschlicher Existenz zu sprechen: die von Italo Svevo. Und über die auffällige Bescheidenheit des tschechischen Volkes. Ist diese, wie es der heutige Deutsche gern haben möchte, Ausdruck von Güte und edler Zurückhaltung? Ist sie selbstgewählt? Machte sie das Volk über lange Jahrhunderte glücklich? Selbstverständlich nicht! Die Tschechen waren und blieben die Besiegten. Auch wenn die beiden Befreiungsschläge im letzten Jahrhundert – ich meine die von 1918 und 1945 – geglückt waren. Die bürgerliche Tschechoslowakei gehörte zwischen den Kriegen zu den wirtschaftlich führenden Ländern Europas.

Nach 1945 enteignete man erst einmal die riesigen Vermögen der Deutschen, nach 1948 verleibte sich das neue Regime das Vermögen der restlichen Privatwirtschaft und der Banken ein und bald – per Gesetz – auch das der massenhaft verurteilten politischen Gegner. 1953 wurden durch eine brutale Währungsreform schließlich die Bankguthaben auch aller einfachen Leute praktisch liquidiert. Auch mein Großvater väterlicherseits, der ein einfacher Arbeiter war, verlor alles. Nach und nach verschwand dann dieser ganze Reichtum im weiten sozialistischen Schlund und wurde rückstandslos verdaut. Spreche ich hier etwa von Italo Svevo? Im Moment natürlich nicht. Man fragt mich in der letzten Zeit immer wieder, warum mein Volk mit Kriegsflüchtlingen und Fremden nicht teilen will. Die Volksseele vergisst einfach nichts. Der vierhundert Jahre alte Raub ist alles andere als vergessen, die drastische Verarmung des Landes nach 1948 natürlich auch nicht. Woraus sollte sich heute so etwas wie Großzügigkeit eigentlich speisen?

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