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Volker Braun zum Siebzigsten : Die Bleibe, die ich suche, ist kein Staat

  • -Aktualisiert am

Volker Braun ist Direktor der Sektion Literatur in der Akademie der Künste Bild: ddp

In der DDR aufgewachsen, hat er dem „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ nie den Rücken gekehrt, hat ihm aber auch keine literarischen Denkmäler errichtet. Er war längst vor der Wiedervereinigung ein „gesamtdeutscher“ Autor. Volker Braun zum Siebzigsten.

          In der DDR aufgewachsen, hat Volker Braun dem „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ nie den Rücken gekehrt, hat ihm aber auch keine literarischen Denkmäler errichtet. Seine Bücher wurden in der DDR wie in der Bundesrepublik gedruckt, oft im Westen früher, seine Theaterstücke manchmal im Osten nur als späte Nachzügler aufgeführt. Er hatte nach dem Abitur pflichtschuldigst die „Produktion“ durchlaufen als Druckerei-, Tiefbau- und Tagebauarbeiter und als Maschinist, bevor er in Leipzig Philosophie studierte.

          Fünf Jahre lang bestimmte er als Dramaturg am Deutschen Theater und dreizehn Jahre lang am Berliner Ensemble das geistige Profil der besten Bühnen des ostdeutschen Theaters mit, ohne zum Jasager zu werden. Wie Brecht war er als Autor bei der Kulturbürokratie keineswegs eine Persona grata; wie Christa Wolf und Heiner Müller wurde er im Osten wie im Westen mit Preisen bedacht. Er war längst vor der Wiedervereinigung ein „gesamtdeutscher“ Autor. Mit gutem Recht erhielt er im Jahr 2000 den Georg-Büchner-Preis.

          Vor dem Hintergrund einer langen Geschichte des Untertanentums

          Ein in Leipzig 1972 erschienenes Schriftstellerlexikon bescheinigte dem Dreiunddreißigjährigen „hohes geistiges und ästhetisches Niveau“, tadelte jedoch das „jugendlich forcierte, oft übersteigerte“ Ungestüm seines Stils. Was subjektiv übersteigert schien, war aber eine Mischung aus dem Anarchischen des frühen Brecht (zumal seines Baal) und der revolutionären Dynamik von Versen des frühen Majakowski. Nicht in fundamentaler Opposition zum DDR-Staat stand Braun, aber er erwartete von ihm ein, wie er es nannte, „Hinüberarbeiten in die freie Gesellschaft“. So begegnete er dem frühzeitigen Rückzug auf erreichte „Errungenschaften“ mit Ungeduld. Der Titel des Gedichtbandes von 1974, „Gegen die symmetrische Welt“, umschreibt sein Unbehagen. Und die beliebte Berufung auf das „klassische Erbe“ der Literatur und Kultur beantwortete er auf seine Weise. Sein Gedicht „An Friedrich Hölderlin“ beginnt mit der Strophe: „Dein Eigentum auch, Bodenloser / Dein Asyl, das du bebautest / Mit schattenden Bäumen und Wein / Ist volkseigen; / Und deine Hoffnung, gesiedelt / Gegen die symmetrische Welt!“ Die Verse zeigen beispielhaft seinen methaphorischen Stil. Seine Aufrufe zur Veränderung gehen nicht auf die Straße, sie wollen den Wandel in den Köpfen. Vor dem Hintergrund einer langen Geschichte des Untertanentums war die Gedichtsammlung von 1979, „Training des aufrechten Gangs“, wie ein Wecksignal.

          Aus der literarischen Tradition nimmt sich Braun, was ein Nachfragen verlangt und lohnt. Sowohl in einem Theaterstück von 1973 wie im Roman „Hinze und Kunze“ (1983) greift er das Thema des Herr-Knecht-Verhältnisses auf, das von Diderots Roman „Jacques le Fataliste et son Maître“ vorgegeben wurde, in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ in den Bemerkungen zur Dialektik von Herr und Knecht weiterwirkte und bei Marx in die Zwei-Klassen-Theorie überging. In Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ kündigt der Chauffeur am Ende das Dienstverhältnis auf. Bei Braun ist aus dem Adligen Diderots und dem Gutsbesitzer Brechts der Funktionär Kunze geworden. Der zunächst willige, dann aufgestiegene Arbeiter und Normbrecher Hinze bricht als „Geführter“ aus dem Gefolgschaftsverhältnis aus, weil er sich vom Funktionär missbraucht fühlt. Dass er zum Schluss dennoch weitermacht, erscheint als mehr erzwungenes denn logisches „Happy End“.

          Der Ernüchterungsprozess in der DDR erfasste ihn früh

          Die in den sechziger und siebziger Jahren aufflammenden Generationskonflikte wurden literarisch begleitet von einem unerhörten Schub von Revolutionsdramen. Geradezu umkreist wird das Revolutionsthema von Volker Braun. In „Lenins Tod“ (1970 entstanden, 1988 aufgeführt) verbirgt sich in der Sympathiebekundung für Lenin die Ablehnung des Stalinismus. Die altchinesische Bauernrevolution wird im Stück „Großer Frieden“ eine Anspielung auf Bürokratisierung und Stillstand in der DDR. Und in „Simplex Deutsch. Szenen über die Unmündigkeit“ überwiegt der satirische Blick auf die deutsche Revolutionsgeschichte. Schon in seinem 1975 entstandenen Stück „Guevara oder Der Sonnenstaat“ hatte sich das Doppelgesicht seiner Revolutionsstücke gezeigt: die historische Erstarrung von Revolutionen und die Faszination von Sozialutopien. Brauns eigenes Credo steht im Gedicht „Das Lehen“: „Die Bleibe, die ich suche, ist kein Staat.“

          Der Ernüchterungsprozess in der DDR erfasste früh auch Braun. Nicht möglich gewesen wären sonst Gedichte wie „Prag“, in dem der Stil Hölderlinscher Stadt- und Flusshymnen plötzlich stockt im Erschrecken über die Panzer des Warschauer Pakts an der Moldau. Braun ist in der DDR nicht blauäugig, besser: nicht rotäugig gewesen. Aber er hat bei der Wiedervereinigung auch nicht flugs die Seite gewechselt. Sein satirischer Dialog „Der Wendehals“ (1995) überzieht mit kaustischem Spott die Verführung eines Opportunisten. Gerade in dritter erweiterter Auflage herausgekommen in der Bibliothek Suhrkamp ist sein Gedichtband „Der Stoff zum Leben“, der zum Vergleich mit T. S. Eliots „The Waste Land“ herausfordert. Als die Abgrenzungspolitik der DDR die völlige Eigenständigkeit einer „sozialistischen deutschen Nationalliteratur“ ausrief, nahm sie deren Isolierung in Kauf. Längst bevor die Berliner Mauer fiel, war aber diese Abschottungspolitik schon gescheitert. Volker Brauns dichterisches Werk trug von Anfang an dazu bei. An diesem Donnerstag feiert der Autor seinen siebzigsten Geburtstag.

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