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Virginie Despentes : Und auf einmal liebt sie jeder

  • -Aktualisiert am

Die Autorin Virginie Despentes. Bild: Picture Alliance

Außen kämpferisch, innen versöhnlich: Im französischen Bücherherbst dreht sich alles um die literarische Punkerin Virginie Despentes und deren neuen Roman. Er heißt „Cher connard“, „Liebes Arschloch“.

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          Seitdem der Bücherherbst in Frankreich vor einigen Wochen mit vielen Artikeln, Sendungen, ersten Auswahllisten für die großen Preise, den üblichen Betriebsgeräuschen also, begonnen hat, kreisen fast alle Gespräche um eine Frau: die Schriftstellerin Virginie Despentes.

          Virginie, der Punk der französischen Literaturszene, die Outsiderin aus „Les Pentes“ in Lyon, die vor fast dreißig Jahren mit „Baise Moi“, „Fick mich“, aus dem Nichts auftauchte und mittlerweile als „Balzac unserer Zeit“ gilt, die in der Jury des prestigeträchtigen Prix Goncourt saß, mit ihren Romanen sehr gut verdient, ihre Wut auf das System aber trotzdem nie verloren hat und die Reichen und Mächtigen regelmäßig aus dem Herzen der Macht heraus verbal attackiert.

          Virginie Despentes also, die in diesem Herbst, sieben Jahre nach dem letzten Band der „Vernon-Subutex“-Reihe, einen neuen Roman veröffentlicht mit dem knalligen Titel „Cher connard“, „Liebes Arschloch“. Seit zwei Wochen steht sie in Frankreich auf den Bestsellerlisten auf Platz eins, hunderttausend Exemplare sollen bereits verkauft worden sein.

          Als ihr Buch im Sommer schon vorab auf einigen Instagram-Profilen herumgeisterte, dachte man noch, Despentes würde mal wieder einen Eklat provozieren wollen. Man nahm an, einige würden nach der Lektüre das Ende der Literatur, der Männer, des Flirts, des Sex, einfach das Ende von allem ausrufen; andere würden schreien, ihr seid doch einfach nur reaktionär, und so zumindest noch einmal die Debatte anheizen.

          Die Wut und die Macht

          Je nachdem, wo man ideologisch steht, freute man sich auf dieses „liebe Arschloch“ – oder seufzte nur angestrengt, weil man vermutete, und das lag ja auch nahe, dass dieses Buch eine Art Langversion von Despentes’ legendärem „On se lève et on se casse“ („Wir stehen auf. Wir gehen“) sein würde, jenes Artikels, mit dem sie im Winter 2020 die César-Preisvergabe an den Regisseur Roman Polanski kritisiert und unter anderem geschrieben hatte:

          „Ihr seid eine unselige Bande von Idioten. Die Welt, die ihr geschaffen habt, um sie in eurer Schäbigkeit zu beherrschen, ist unerträglich. Das war’s! Wir stehen auf. Wir gehen. Wir werden laut. Ihr könnt uns mal!“

          Nur ist „Cher connard“ ganz anders als dieser Kommentar, in Ton, Haltung, Schärfe. Und die Reaktionen darauf sind es auch. Es fängt schon damit an, dass die Autorin nicht nur aus der Perspektive der Opfer, sondern auch des Täters erzählt.

          Virginie Despentes: „Chèr connard“, Roman. Grasset, 352 Seiten, 22 Euro.
          Virginie Despentes: „Chèr connard“, Roman. Grasset, 352 Seiten, 22 Euro. : Bild: Grasset

          Ihr Roman, der in Briefform geschrieben ist, lässt drei Figuren zu Wort kommen: Oscar, einen erfolgreichen Autor, der sich seit seinem MeToo-Shitstorm (es geht um sexuelle Belästigung, Drängeln, insistierende Blicke, nächtliche Anrufe) in Selbstmitleid vergräbt; Rebecca, eine Schauspielerin, die mit ihrem Alter und ihrem Gewicht hadert, und Zoe, eine junge Feministin, die besagten Autor auf ihrem feministischen Blog mit ihren Anschuldigungen niedermäht.

          Es geht um MeToo, aber auch um Suchtprobleme, sozialen Aufstieg, das Altern, die Pandemie, Mobbing im Internet und andere sehr zeitgenössische Themen, die Despentes, so schrieb kürzlich eine Kritikerin, mittlerweile besser zu beschreiben wisse als Michel Houellebecq. Wie Despentes all das in einem einzigen Roman verhandelt, ist tatsächlich bewundernswert.

          Außen hart, innen weich

          Man könnte sagen, das Buch gebe sich nach außen hin hart und kämpferisch, sei innen aber eher weich, gar versöhnlich. So versöhnlich, dass der Schriftsteller und Literaturkritiker Frédéric Beigbeder Anfang September in einer Radiosendung verkündete, der Titel habe ihn zunächst abgeschreckt, dabei sei es doch in Wahrheit ein „Liebesbrief an die Männer“: „Wenn die radikalen Feministinnen es bis zum Ende lesen, könnte es dazu führen, dass das Kriegsbeil begraben wird.“

          Und tatsächlich sind sich, was diesen Roman angeht, fast alle einig. Auch diejenigen, die es nicht sein wollen. Jeder fühlt sich irgendwie erkannt und verstanden, jeder glaubt, die Rebellin Despentes auf seine Seite gezogen zu haben. Leute, die sie bisher anstrengend fanden, zu laut, zu aggressiv, zu feministisch, freuen sich jetzt darüber, dass sie den Weg zur Nuance gefunden hat. Sie sagen, sie sei wirklich „subtil“, male nicht alles nur schwarz und weiß, zeige Empathie für den armen Mann, und sie vermuten darin eine leise Kritik an den „wildgewordenen“ Neo-Feministinnen.

          Diese Feministinnen wiederum, die Virginie Despentes spätestens seit ihrem Essay „King Kong Theorie“ als „la cheffe“ oder „la patronne“ bezeichnen, zucken – wie Lauren Bastide – angesichts dieser neuen Fangemeinde nur gelangweilt die Schultern und sagen, die Bewunderer hätten das Buch eben einfach nicht verstanden. Schließlich gehe es hier ja eindeutig um Machtmissbrauch, schließlich dämmere dem Mann nach vielen Seiten und langen Gesprächen doch irgendwann, dass er nicht das Opfer einer bösen Verleumdung, sondern der Täter sei, und er übernehme dann Verantwortung.

          Wie Virginie Despentes selbst zu diesem neuen Konsens um ihr Werk steht, ist bisher unklar. Sollte man es als Hinweis verstehen, dass sie vor zwei Jahren im Centre Pompidou einen Vortrag hielt, in dem sie sagte: „Wir brauchen eine Revolution der Sanftheit“?

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