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Schriftsteller mit globalen Biographien : Wir müssen uns alle neu erfinden

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Das Internationale Literaturfestival hat sie nach Berlin geführt: Dinaw Mengestu (l.), Pankaj Mishra, Priya Basil und Junot Díaz im Haus der Festspiele Bild: Matthias Lüdecke

Antiwestliche Aufstände erschüttern die Welt. Wie kann ein neues, utopisches Konzept aussehen? Vier Schriftsteller mit globalen Biographien denken die Zukunft. Ein Gespräch.

          Es gibt kaum eine bessere Gelegenheit, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen, als das Internationale Literaturfestival in Berlin. In diesem Jahr hielt der indische Schriftsteller Pankaj Mishra die Eröffnungsrede, er sprach über „Europa und die neue Welt-Unordnung“, und weil wir wissen wollten, wie der Blick auf den sogenannten Westen aus der Perspektive all der anderen Autoren aussieht, von Afrika oder Lateinamerika aus, haben wir Mishra und drei andere Weltautoren zur Diskussion gebeten.

          Sie haben in Ihrer Rede von der neuen Rolle, der veränderten Identität des Westens gesprochen. „Der Westen“: Ist das überhaupt noch eine nützliche Kategorie?

          Pankaj Mishra (Indien - England - Indien)

          Pankaj Mishra: Es ist natürlich zunächst einmal eine geographische Größe, und zwar eine, die von der Perspektive abhängt. Für China etwa ist Indien der Westen. Man entkommt dieser geographischen Einheit aber nicht so einfach. Der Westen ist eine sehr dominante Kraft in unserem Leben. Man kann sich nicht vorstellen, dass irgendein anderer Teil der Welt einen ähnlichen Einfluss auf das Leben von Europäern oder Amerikanern hat. Aber wir erleben gerade den Zusammenbruch dieses westlichen Monopols auf den intellektuellen Diskurs, auf die Kultur, auf die ganze Welt der Ideen.

          Was bedeutet das für Sie persönlich? Sind Sie, egal, wo Sie herkommen, nicht auch selbst Teil des Westens? Sie zum Beispiel, Frau Basil, haben eine ungeheuer globale Biographie. Sind Sie Teil des Westens?

          Priya Basil: Klar bin ich das. Aber ich habe ein seltsames Verhältnis dazu. Als ich in Kenia aufwuchs, hatte ich auch all diese vorurteilsbeladenen Vorstellungen, dass es dort besser ist, dass das Leben dort etwas Erstrebenswertes ist. Jetzt, als Erwachsene, da ich dort lebe, sehe ich das viel ambivalenter. Aber man identifiziert sich ja nicht in derart breiten Begriffen. Unsere Identitäten sind viel vertrackter.

          Dinaw Mengestu (Äthiopien - Vereinigte Staaten - Frankreich)

          Dinaw Mengestu: Ich würde mich auch eher als Amerikaner beschreiben, das ist etwas singulärer. Ich habe natürlich auch eine afrikanische Seite. Aber ich habe auch ein paar Jahre in Europa gelebt, und was mir oft auffällt, wenn ich wieder hier bin, ist die enorme Verletzlichkeit und Unsicherheit. Wie viel Angst all diese Länder vor der Zukunft haben, vor allem vor all den Migranten, die die Werte untergraben, auf denen die Identität dieser Länder basiert. Sie glauben, dass ihr liberaler, humanistischer Konsens in Gefahr ist, weil Menschen kommen, deren Hautfarbe ein wenig anders ist.

          Junot Díaz: Die Angst vor einer umgekehrten Kolonialisierung ist nichts Neues. Schon Ende des 19. Jahrhunderts herrschte die Sorge, der Nationalstaat würde zerfallen, und ein Grund war die Rückkehr all dieser braunen, gelben und roten Körper. Das ist ein uraltes Paradigma, das einem erlaubt, enorme Gewalt zu mobilisieren. Es geht immer darum, eine Trennlinie zu ziehen, zwischen all dem, was menschlich ist, und dem, was man verdächtigt, es nicht zu sein. Man sieht das aber nicht nur im Westen. Man kann die gleiche Logik auch an einem Ort wie der Dominikanischen Republik anwenden, den wir scherzhaft „Ground Zero des Westens“ nennen, schließlich hat sich hier das ganze Konzept des Westens entwickelt. Auch in Santo Domingo sitzen Leute und zitieren amerikanische Einwanderungspolitik, nach dem Motto: So macht man das in einem fortschrittlichen Land, das können wir auch. Für sie sind es die Haitianer, die keine Menschen sind.

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