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Verschollene Manuskripte : Ein Meilenstein für die Proust-Forschung

  • -Aktualisiert am

Der französische Schriftsteller Marcel Proust im Alter von 30 Jahren Bild: Picture-Alliance

Endlich: Gallimard veröffentlicht die Vorstufen zu Prousts Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Damit wird ein verschollen geglaubter Schatz der Proust-Forschung öffentlich zugänglich.

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          Autoren brauchen Vermittler, die sie ins Licht stellen, ihr Werk fördern, es in seinen Facetten präsentieren; das gilt selbst für die Größten. Aber jeder Lichteinfall erzeugt Schatten – man muss nicht an Max Brods Rolle für Kafka oder (weit schlimmer) an jene Elisabeth Förster-Nietzsches für das Werk ihres Bruders denken: Auch in Verlags- und Philologenkreisen gibt es große und kleine Dunkelzonenerzeuger. Der Verleger und Proust-Forscher Bernard de Fallois (1926 bis 2018) stellt insofern einen solchen Fall dar, als in seinem Nachlass, der an die Bibliothèque nationale ging, nach und nach verborgene Proustiana zutage kommen. Entweder wusste niemand von ihrer Existenz: So wurden jüngst unbekannte Novellen erstmals publiziert (F.A.Z. vom 19. Oktober 2019). Oder aber es handelt sich um sagenumwobene Texte, wie jene „soixante-quinze feuillets“ (fünfundsiebzig Blätter), die Nathalie Mauriac Dyer bei Gallimard nun endlich ediert hat (Marcel Proust: „Les soixante-quinze feuillets et autres manuscrits inédits“).

          Gemeint ist damit ein Konvolut, das Fallois von Prousts Nichte Suzy Mante-Proust erhalten und ein Mal 1954, im Vorwort zu seiner Ausgabe des „Contre Sainte-Beuve“, erwähnt hatte. Unter dem generischen Namen ging es in die Annalen ein, sein Verbleib aber war unklar – Fallois schwieg sich aus, wie die Herausgeberin auf Nachfrage betont. Ein Mythos war geboren: Vom „Gral“ der Proust-Forschung, vom „roman de 1908“ ging das Raunen. Mit gutem Grund: Bei den „Fünfundsiebzig Blättern“ handelt es sich um nichts weniger als um die früheste Stufe der „Recherche du temps perdu“ („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“), oder, so Mauriac Dyer, um deren „Sockel“.

          Sie vermutet, dass die 76 Seiten zwischen Anfang und Herbst 1908 verfasst wurden. Es handelt sich um den Neubeginn des literarischen Werks: Nach dem Scheitern am Roman „Jean Santeuil“ 1899 hatte Proust Schriften von John Ruskin übersetzt sowie Literaturkritiken und Pastiches verfasst („L’affaire Lemoine“). 1908, nach dem Tod der Mutter, macht er sich erneut ans Schreiben, verfasst die „Blätter“, bricht die Arbeit ab, beginnt „Gegen Sainte-Beuve“, eine letzte Zwischenstufe vor der „Recherche“. „Gegen Sainte-Beuve“, eine Kritik des Literaturkritikers, wird nach und nach zum Erzähltext: Proust entwickelt das Prisma, das es ihm erlauben wird, seinen Stoff zu organisieren, nämlich die Erinnerung an Orte des (schwierigen) Einschlafens. Das ist die Basis für die „Recherche“, die von 1913 an erscheinen wird.

          Zentrale Bausteine des späteren Werks

          Welche Bedeutung haben die „Blätter“? Proust wählt darin erstmals die Ich-Perspektive und entwickelt aus dieser heraus zentrale Motive der „Recherche: die Großmutter im Garten und der mütterliche Abendkuss, die Landspaziergänge und ihre zwei Seiten (côtés), der Urlaub am Meer, die Gruppe junger Mädchen, die adeligen Namen, Venedig. All das sind zentrale Bausteine des späteren Werks, die in dieser Abfolge in den „Blättern“ präsentiert werden. Dyer kommentiert und ergänzt sie durch weitere teils unveröffentlichte Texte, die sie mit detaillierten Anmerkungen, einer Chronologie und einer Konkordanztafel versieht, welche die Fragmente den passenden Passagen in der „Recherche“ zuordnet. Während diese minimalistische Textpräsentation einen ungestörten Lesefluss ermöglicht, wendet sich der kenntnisreiche Apparat an ein informiertes Publikum.

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