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Ehrentag eines Büchermenschen : Verleger, nie verlegen

Klaus G. Saur feiert seinen achtzigsten Geburtstag. Bild: Wonge Bergmann

Einen derart von seinem Metier Beseelten muss man lange suchen: Der Verleger Klaus G. Saur begeht seinen achtzigsten Geburtstag. Was macht ihn zu einem der wichtigsten Verleger der letzten fünfzig Jahre?

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          Vor zwanzig Jahren wurde Klaus G. Saur zum Ehrensenator der Univer­sität Leipzig ernannt. Solche Auszeichnungen wurden ihm öfter zuteil, auch die Ludwig-Maximilan-Universität in München und die Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen verliehen sie ihm. In Graz ist er Ehrenbürger der dortigen Hochschule, und völlig zu Recht weist sein Briefkopf ihn als „Dr. h.c. mult.“ aus – ehrenpromoviert in Boston, Pisa, Marburg und einer Stadt namens Ishewsk, die sich in der russischen Republik Udmurtien befindet, gerade noch diesseits des Urals. Saur ist erkennbar weit herumgekommen, und man kann im akademischen Leben kaum um ihn herumkommen. Bücher, die er verlegt hat, gehören zur Standardausstattung jeder besseren Universitätsbibliothek rund um den Erdball, weil Saur sich zunächst im familieneigenen Verlag und später im von ihm geleiteten De-Gruyter-Verlag auf die Herausgabe von konkurrenz­losen Reihenwerken spezialisiert hatte, die das Spezialwissen ihrer Zeit zwischen Buchdeckeln und dann auch in Dateien fassten.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Niemand war dafür so geeignet wie der 1941 in Pullach bei München Geborene. Sein Organisationstalent ist immens. Als Sohn eines in der NS-Zeit unrühmlich aktiven, von Hitler in dessen politischem Testament noch als deutscher Rüstungsminister vorge­sehenen Mannes, der nach dem Krieg einen Verlag für Ingenieurwissenschaften gründete, machte er nach dem Tod des Vaters 1966 dieses kleine Familienunternehmen zum global player in Sachen Dokumentation. Die Kunst dabei bestand im Sammeln und Zusammenführen von bereits vorhandenen Quellen, also einer Kombination aus Bibliographieren und Exzerpieren, die im Vor-Internet-Zeitalter noch ganz andere Herausforderungen darstellte.

          Kaufen und Verkaufen

          Saur meisterte sie, indem er neben gedruckten Büchern vor allem auf Mikrofiche-Ausgaben setzte, und machte sein Haus damit zu einem führenden Informationsverlag, den er einmal verkaufte (1987 an einen niederländischen Verlagskonzern) und einmal zurückkaufte (zwei Jahrzehnte später, als er De Gruyters Geschicke lenkte). Als er 2008 seine aktive Laufbahn beendete, war die digitale Wandlung des Informationsgeschäfts immer noch in vollem Gange; die Vollendung des von ihm eingeleiteten Umbaus musste er nun anderen überlassen.

          Saur ist ein Verleger alter Schule, nämlich eine Unternehmerpersönlichkeit und gerade deshalb neuen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen. Aber er liebt die Buchgeschichte, und wer je das Glück hatte, einen seiner zahllosen Vorträge zu hören, so etwa in jüngerer Zeit den ebenso fakten- wie anekdotengesättigten Überblick über die meistverkauften Belle­tristikbücher auf dem deutschsprachigen Markt seit 1945, der weiß, was ihm all die Ehrendoktorate und -senatorenposten eingebracht hat: eine erstaunliche Mischung aus Kennerschaft und Könnerschaft. Einen derart von seinen Gegenständen begeisterten Büchermenschen erlebt man selten. Und weil er sein Metier so liebt, ist der Verleger um kein damit verbundenes Thema oder Engagement verlegen. Börsenverein, Goethe-Institut, Nationalbibliothek – diese und etliche Institutionen mehr sicherten sich seine Mitwirkung und damit seinen Rat.

          Der mittlerweile dreizehn Jahre währende Ruhestand Saurs stellte sich als lange Zeit ungebrochene Kette von Einsätzen als Experte und Redner dar. Die pandemiebedingten Einschränkungen im achtzigsten Lebensjahr gingen ihm deshalb besonders nahe. So musste er auch die für kommenden Freitag im geistesheroischen Weimar geplante Jubelfeier zu seinem Achtzigsten absagen. Heute ist deshalb zwar der eigentliche Geburtstag von Klaus G. Saur, aber der große Feiertag steht noch aus – im nächsten Jahr. Eine Ehre mehr dann dem Vielgeehrten.

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