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Laudatio auf Richard Ford : Das ist das Leben

Der Autor, der ohne große Gesten auskommt und seine Figuren genau ins Auge fasst: Richard Ford Bild: Helmut Fricke

Warum ist Richard Ford so ein bedeutender, großer Schriftsteller? Überlegungen aus gegebenem Anlass.

          Erste Sätze sind eine vertrackte Sache. Sie dürfen keinesfalls vermasselt werden. In gewisser Weise kommt alles auf sie an. Im Roman sind manchmal die ersten Sätze die letzten, die geschrieben (und dann an den Anfang gerückt) werden. Richard Ford hat eine besondere Begabung für erste Sätze, wobei es für den Leser ganz unerheblich ist, ob es auch immer die waren, mit denen es im Schreibprozess tatsächlich losging: „Im Herbst 1960, als ich sechzehn war und mein Vater eine Zeitlang nicht arbeitete, lernte meine Mutter einen Mann namens Warren Miller kennen und verliebte sich in ihn.“ Das ist ein typischer erster Richard-Ford-Satz.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit ihm beginnt „Wildlife“ aus dem Jahr 1990. Das Wesentliche ist in diesem ersten Satz angelegt: Wer der Erzähler ist; die Familienkatastrophen – es sind zwei, die Arbeitslosigkeit des Vaters, eine neue Liebe der Mutter –, der Ton. Nicht beiläufig, aber unsentimental. Nüchtern. Wir werden, das erzählt uns dieser erste Satz in seiner Knappheit auch bereits, eine Geschichte lesen, die abgeschlossen ist, denn sie wird im Rückblick erzählt. Was nicht unbedingt bedeutet, dass sie glücklich ausging, aber immerhin, dass der Erzähler sie überlebt hat.

          Äußere Handlung ist schnell erzählt

          Wenn man gefragt würde: Wovon handelt dieser Roman „Wildlife“ denn? – was eine Frage ist, die möglicherweise demnächst häufiger gestellt wird, denn das Buch ist kürzlich verfilmt worden, und dieser Film kommt in ein paar Wochen in die deutschen Kinos. Auf die Frage also „Worum geht es denn“ könnte man guten Gewissens mit diesem ersten Satz oder einer Variation auf ihn antworten: „Es geht um einen Sechzehnjährigen, dessen Vater keine Arbeit hat und dessen Mutter sich in einen Mann, der Warren Miller heißt, verliebt.“ Darüber aber, warum dieses Buch mit den anderen Büchern Fords ein Werk der Weltliteratur bildet, hätten wir damit noch nichts erfahren.

          Mit „Die Lage des Landes“ 2007 auf der Frankfurter Buchmesse.

          Der erste Satz bei Richard Ford enthält, wie in diesem Fall, oft eine Inhaltsangabe dessen, was folgt. Gleich zu Beginn wird uns gesagt, wie der Hase läuft. Es kommt hier nicht auf die Handlung an, sagt dieser Satz nämlich auch, die äußere Handlung ist schnell erzählt. Konzentrieren wir uns lieber auf alles andere – darauf, was dann geschieht. Die Konsequenzen. Auf die Figuren. Auf die Landschaft, durch die sie fahren. Auf den Ort, an dem sie leben. Darauf, worüber sie nachdenken und wie sie miteinander sprechen, wenn sie sprechen.

          Darauf, wovon sie träumen, wenn sie träumen. Sie sind auf Grund gelaufen. Und dann? Wie stellen sie es an, ein bisschen Lebensglück, das eigentlich am Horizont bereits verschwindet, noch zu fassen zu kriegen und vor dem Schicksal in Sicherheit zu bringen? Wie ist es möglich, dass sie das, was in optimistischeren Zeiten „Hoffnung“ heißt, nicht ganz verlieren? Auch wenn nicht gar zu viele Gründe dafür sprechen. Außer vielleicht diesem, in den Worten von Fords berühmtester Figur, Frank Bascombe: Könnte alles schlimmer sein. Viel, viel schlimmer, als es ist.“

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