https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/verena-luekens-laudatio-auf-richard-ford-zur-verleihung-des-siegfried-lenz-preises-15812078.html

Laudatio auf Richard Ford : Das ist das Leben

Solcherart sind die alltäglichen Ereignisse menschlicher Existenz, die Fords Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Einzelheiten, die im Zusammenspiel mit anderen Einzelheiten ein Stück Leben evozieren. Ein Stück Leben von Menschen, die nicht Geschichte machen. Die aber alle in ihrem Leben unter Umständen Entscheidungen von moralischem Gewicht zu treffen haben – und wie sie das tun und zu welchem Ende hin, das ist es, was Ford interessiert. Ford, mit anderen Worten, interessieren Menschen, wie seine Leser es sind.

Botschaft über Erzählung vermitteln

Obwohl seine Bücher teilweise dick sind, sehr dick sogar, sind sie oft schweigsam. Wortkarg. Das meint nicht nur die Figuren, sondern auch den Autor, aus dessen Sätzen niemals große Gebärden werden, mit denen er um Mitgefühl etwa für die halbwüchsigen Helden vieler seiner Geschichten buhlen würde. Die Halbwüchsigen, diese Jungen am Übergang ins Erwachsenenleben sind Zentrum in einigen seiner Romane und vielen seiner Stories. Ich vermute, was sie als Figuren so attraktiv für Ford macht, ist, dass er sie in dieses Zwischenreich verpflanzen kann, beobachtend und ahnend, aber noch nicht wirklich wissend und handelnd, Opfer ihrer Eltern, mindestens ihrer Eltern, aber keine hilflosen Opfer mehr. Es sind junge weiße Männer, die ein gutes Stück verstehen von dem, was sie sehen und erleben, aber noch nicht alles; die aber bereits ahnen, dass es später darum gehen wird, immer wieder einmal die Scherben eines Glücks, das ein Zufall, ein Unglück, ein Missgeschick zerdeppert hat, zusammenzukehren und trotzdem daran festzuhalten, dass noch alles passieren kann, sogar etwas Gutes, das sich noch nicht abzeichnet.

Literatur ist dazu da, die Sinne zu schärfen, nicht nur für die Literatur, sondern für das Leben selbst. Falls sie einen moralischen Auftrag hat, so ist es dieser: dem Leser zu sagen, das ist das Leben, das du hast, das einzige. Schau mal genau hin. Das ist nicht belehrend – kein Buch von Ford enthält Lektionen, die auch anderswo zu haben wären –, es geschieht durchs Erzählen. Dadurch, sich mehr vorzustellen, als das Leben möglicherweise auf den ersten Blick zu bieten hat. Katastrophen unterschiedlicher Art und Schwere – ein Vater ohne Arbeit, eine Mutter mit einem neuen Mann, ein Hurrikane oder auch der Tod – sind am besten dazu geeignet, die Sinne in diesem Sinn zu schärfen. Das ist es, was es heißt, Fords Literatur „bedeutend“ zu nennen.

Als junger Schriftsteller 1986 in Jackson, Mississippi. Damals war gerade „Der Sportreporter“ erschienen.
Als junger Schriftsteller 1986 in Jackson, Mississippi. Damals war gerade „Der Sportreporter“ erschienen. : Bild: Picture-Alliance

Allem, was diese Katastrophen bei geschärften Sinnen auslösen, welche Konsequenzen sie haben, geht Ford nach – nicht mittels Beobachtung, sondern mittels seiner Vorstellungskraft. Frank Bascombe etwa, der Held von vier Büchern, ist ein Mann, der lange Zeit seines Lebens Häuser verkauft hat. Nach dem Hurrikan Sandy, der die Küste New Jerseys verwüstete, steht er am Strand und sieht: Die Häuser sind weg. Die Häuser, die er einst vermakelte, und eines, das ihm selbst einmal gehörte: weggefegt. Seine Reaktion darauf – die Reaktion, die Ford sich für ihn ausgedacht hat –, ist: Jeez, mein Haus ist weg. Aber die Sicht! Die ist besser denn je. Nicht gerade die erwartbare Reaktion eines Maklers, das macht sie so komisch. Obwohl die Sache gar nicht lustig ist, aber doch in gewisser Weise zum Brüllen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Sie wollen, dass er will: Trump ließ sich Ende Juni auf einer Kundgebung in Mendon im Staat Illinois bejubeln.

US-Präsidentschaft : Erwägt Donald Trump eine frühe Kandidatur?

Bislang verlief der Sommer nicht im Sinne Trumps. Die Aufarbeitung der Erstürmung des Kapitols verärgert ihn. Sieht er sich gezwungen, die Verkündung seiner Präsidentenkandidatur vorzuziehen?
Boris Johnson am Mittwoch bei der wöchentlichen Fragestunde im Parlament 10:45

F.A.Z. Frühdenker : Wie lange hält Boris Johnson noch durch?

Boris Johnson blickt in den Abgrund. Ferda Ataman soll Antidiskriminierungsbeauftragte werden. Die Außenminister der G 20 treffen sich. Und Tatjana Maria spielt im Wimbledon-Halbfinale. Alles Wichtige im F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.