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„Schwarze Hefte“ : Punk ohne Publikum

Amüsierter Heidegger-Leser: Peter Sloterdijk Bild: dpa

Vor acht Jahren sorgten Martin Heideggers „Schwarze Hefte“ für einen Skandal. Peter Sloterdijk reduziert sie auf dem Literaturfestival Literaturm auf ihre komische Seite.

          2 Min.

          Nicht alle philosophischen Fragen streben einer Lösung zu, manche werden auch dadurch beantwortet, dass man eine Auseinandersetzung über sie vermeidet. Die Schockwellen, die 2014 durch die Öffentlichkeit gingen, als die „Schwarzen Hefte“ herauskamen, in denen Martin Heidegger den Juden die Verantwortung für alle möglichen Übel andichtete und sich zu der Behauptung verstieg, sie seien die Urheber ihres eigenen Untergangs, sind inzwischen abgeflaut. Die späteren der mittlerweile vollständig edierten Notizbücher enthalten keine anstößigen Passagen, und es sieht so aus, als hätten die streitenden Parteien einen kalten Frieden geschlossen: Diejenigen, die unter Heidegger schon immer einen Schlussstrich ziehen wollten, beschäftigen sich nicht mehr mit ihm, die anderen lesen ihn weiter. Die entscheidende Frage, ob die Judenfeindschaft in Heideggers Philosophie einging, bleibt damit in der Schwebe.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Zur Zeit des Skandals lagen dafür verschiedene Deutungen vor. Die Rede war von einem metaphysischen oder seinsgeschichtlichen Antisemitismus. Heidegger setzte die Juden demnach überall dort als Schablone ein, wo es darum ging, den Abfall vom wahren Sein durch eine rechnerische Vernunft zu erklären. Andere sprachen lieber von Antijudaismus, weil Heidegger der biologischen Konnotation des Antise­mitismus-Begriffs fern gestanden habe. Peter Trawny, der Herausgeber der „Schwarzen Hefte“, legte damals selbst eine gehaltvolle Deutung vor. Die Judenfeindschaft liefert darin einen wichtigen Baustein für das völkerpsychologische Gerüst von Heideggers zweiter Werkphase, der Seinsgeschichte.

          Verkannter Komiker?

          Von Trawny, der Philosophie als Lebensform betrachtet, war zu erwarten, dass er in dieser Frage nicht lockerlässt. Peter Sloterdijk, sein Gesprächspartner beim Frankfurter Literaturfestival Literaturm, war dafür aber nicht der richtige Mann. Sloterdijk sprach gnädig vom „sogenannten“ Antisemitismus. Irgendwann habe Heidegger immer mehr Gleichheitszeichen zwischen dem Judentum und den ideologischen Großbewegungen seiner Zeit, dem Bolschewismus, dem Amerikanismus und, nicht zu vergessen, dem britischen Imperialismus gesetzt, ohne sich nach dem zu fragen, was sie voneinander trennte. Das Jüdische sei bei Heidegger „eine Agentur, in der sich die Enterdung der Lebensvollzüge“ vollziehe. Von spezifischem Antisemitismus, so Sloterdijk, sei nicht zu sprechen.

          Es mag stimmen, dass die Karikatur des Judentums bei Heidegger funktionalen Charakter hatte. Es ist aber auch ein Spezifikum des Antisemitismus, dass Juden unspezifisch und unmotiviert zur Projektionsfläche aller möglichen Übel gemacht werden. Peter Trawny ersparte Sloterdijk weitere Nachfragen. Der verniedlichte den Heidegger der „Schwarzen Hefte“ derweil zum Komiker mit Slapstickqualitäten und unverkennbarer Nähe zu Karl Valentin, ja zum Alterspunk, der das Stück verweigert, das man von ihm erwartet.

          Nun mögen Heideggers Tiraden gegen das verkapselte Leben und die Menschen, die es wie ein Auster schlürfen, eine eigenwillige Komik haben. Auf vielen Seiten strapaziert Heidegger jedoch eher die Geduld seiner Leser, indem er seinem Ressentiment freien Lauf lässt. Die „Hefte“ sind eine zähe Lektüre. Es überraschte, dass Peter Trawny sie ohne Umschweife dem philosophischen Werk zuschlug.

          Der Abend war als Improvisation über die „Schwarzen Hefte“ angekündigt. Erkennbar wollte man sich die Richtung nicht vorgeben lassen. Peter Sloterdijk lenkte die Aufmerksamkeit auf Heideggers Vorlesung über die Langeweile von 1929/30 und gab seiner Präferenz für eine Philosophie Ausdruck, die sich der Meditation und dem Exerzitium öffnet. Die Langeweile ist hier eine notwendige Vorstufe zur Ergriffenheit und zum Abstreifen des äußerlichen Lebens. Für Heidegger, merkte Sloterdijk an, sei Philosophie Ruf und Auftrag sowie Sensibilität für eine Stimme gewesen, die im öffentlichen Diskurs nicht hörbar ist. Zeitweise hieß dieser Ruf Nationalsozialismus. Peter Trawny fragte, ob die Grundschwingung der Langeweile, die Heidegger seiner Epoche unterstellt, auch für unsere Gegenwart mit ihren multiplen Krisenerscheinungen noch gilt. Aber das liegt wohl auf einer anderen Ebene. Als Motivations­coach oder Krisenratgeber wäre Existenzphilosophie unter Wert verkauft.

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