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Ernst Jünger mit Uniformmantel und Orden Bild: Klett-Cotta Verlag

Ernst Jünger und die Nazis : Verächtliche Distanz

Wo stand Ernst Jünger politisch? Ein neu aufgetauchtes Dokument legt nahe, dass der Schriftsteller sich 1934 kritisch über den Nationalsozialismus geäußert hat.

          5 Min.

          Zur Selbstdarstellung von Ernst Jünger gehörte ein ostentatives Desinteresse an der Wahrnehmung seiner Person. Dass er tatsächlich genau verfolgte, was über ihn verbreitet wurde, hat besonders anschaulich Heinz Ludwig Arnold beschrieben, Jüngers zeitweiliger „Secretarius“ in Wilflingen. Nach außen hin setzte Jünger sich jedoch sorgsam in Pose: Als Unnahbarer, den die Urteile von Zeitgenossen, insbesondere solche über sein Verhältnis zum Nationalsozialismus, nicht kümmern. Er habe das Gefühl, dass er im Kaukasus spaziere und nun in Maulwurfshügeln herumstochern solle, sagte er einmal mit Blick auf seine „Gegner“, die ihm eine Nähe zum Nationalsozialismus vorwarfen. Dazu passen Tagebucheinträge wie dieser vom Mai 1977, der in den zweiten Band von „Siebzig verweht“ einging: „Die Deutschen haben ein großes Fass voll brauner Farbe und streichen sich damit gegenseitig an. Das ist ein Geschäft. Man sollte weder seine Intelligenz noch seine Moral so weit zurückschrauben, dass man darauf einginge.“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Über Jüngers Verhältnis zum NS-Regime sind schon einige Regalmeter Bücher und Aufsätze geschrieben worden. Und doch tauchen immer noch Mosaiksteine auf, die das Bild vervollständigen – teilweise sogar um überraschende, bisher unbekannte Nuancen. Ein solches Steinchen lagert im Archiv des Serbischen Nationalmuseums in Belgrad und ist nun, unscheinbar in der Fußnote einer knapp 500 Seiten starken Forschungsarbeit versteckt, an die Öffentlichkeit gelangt. Es handelt sich um einen Brief aus dem Jahr 1934, dessen Bedeutung als Quelle der Heidelberger Jünger-Biograph Helmuth Kiesel, ein profunder Kenner von Leben und Werk des „Anarchen“, als „sehr bemerkenswert“ bezeichnet: „Ich kenne kein anderes zeitgenössisches Dokument, das so deutlich und geradezu gehässig zur Kenntnis bringt, dass Jünger eine verächtliche Distanz zum Nationalsozialismus nicht nur hatte, sondern auch zum Ausdruck brachte – und dies auch gegenüber jemandem, über dessen politische Einstellung er sich nicht sicher sein konnte, ja bei dem er sogar eine Nähe zum Nationalsozialismus vermuten musste. Insofern ist das vielleicht sogar als singulär zu bezeichnen.“

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