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Varnhagens Liebesbriefe : Die Königskinder vom Rhein

Bunter Strauß: einige der Briefe Varnhagens an Charlotte Williams Wynn Bild: Bonhams

350 bislang unbekannte Briefe des Autors und Zeitzeugen Varnhagen von Ense stehen zum Verkauf. Sie erzählen die Chronik einer unerfüllten Liebe.

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          Die Vorzeichen waren nicht günstig: Der Reisende, ein ehemaliger Diplomat, damals 51 Jahre alt, erlebt eine „wahre Höllennacht“ in seiner Unterkunft und „dachte wahrlich zu sterben dort, so krank, fiebernd, heiß und nervengereizt war ich“. Und dann noch die Fahrt rheinaufwärts: „Die Stöße und Schwankungen des Schiffes wurden auch sehr beschwerlich.“ Doch an diesem 30. Juli 1836, einem Samstag, lernte Karl August Varnhagen von Ense „auf dem Dampfschiffe zwischen Nimwegen und Düsseldorf“ eine britische Familie kennen: der Vater ein reicher Politiker, der kränkelte und sich deshalb mit der Familie zu einem Kurort begab, seine Ehefrau und schließlich zwei Töchter.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Im „Nassauer Hof“ in Ems leben sie unter einem Dach. Mit einer von ihnen, der neunzehnjährigen Charlotte Williams-Wynn, versteht sich Varnhagen besonders gut. Er beginnt einen Briefwechsel mit ihr – er schreibt auf Deutsch, sie auf Englisch –, und als sich die Bekanntschaft intensiviert, macht er ihr im September 1839 einen Heiratsantrag: „Hören Sie meine ernste Frage! Wollen Sie meine Gattin werden? Ihrer Neigung bin ich versichert, mündliche und schriftliche Äußerungen von Ihnen lassen mich erkennen, dass Ihrem Herzen mein Antrag nicht fremd ist . . . aber Ihr Herz hat hier nicht allein zu reden, auch verständige Überlegung, Berücksichtigung der weltlichen Umstände muss hier einsprechen.“

          Die Freundschaft zwischen Varnhagen und Williams-Wynn ist in der Forschung nicht unbekannt geblieben, wenn auch aufgrund einer, wie sich nun herausgestellt hat, eher dünnen Materialbasis. Immerhin sind etwa die achtzig Briefe, die Charlotte an Varnhagen schrieb, bald nach ihrem Tod von ihrer Schwester herausgegeben worden, weitere dreißig befanden sich in Varnhagens Nachlass. Von Varnhagens Briefen an sie aber waren bislang nur ein Dutzend bekannt, die – in Abschriften – ebenfalls in der Sammlung lagen.

          Karl August Varnhagen von Ense (1785 bis 1858)

          Dass nun das britische Auktionshaus Bonhams für den 4. Dezember eine Versteigerung von 350 größtenteils unbekannten Briefen aus dem gesamten Zeitraum ihrer Freundschaft ankündigt, ist daher nichts Geringeres als eine Sensation. Und was in diesem Zusammenhang bislang daraus mitgeteilt wurde, ist geeignet, dem bekannten Bild Varnhagens neue Konturen zu verleihen – dem Zeitdiagnostiker und dem Liebenden. Das bezieht die berühmte Rahel Varnhagen mit ein, die 1833 gestorben war und Varnhagen als Witwer zurückgelassen hatte: „Custine hat sich in meinem Zimmer alte Bildnisse, die ich von Rahel habe, angesehen“, schreibt er am 2. Oktober 1839 an Williams-Wynn, „auch ihre Bücher, die ich besonders aufgestellt, und sprach sehr schön und innig von ihr. Meinen Verlust ermass er ganz, und schien mein jetziges einsames Leben tief zu bedauern. Hätte er in mein Herz blicken können, er hätte mich noch mehr bedauert, – den Ersatz einer Rahel zu finden, und dennoch ihn zu missen, das ist ein noch größeres Unglück!“

          Auch sonst fehlt es in den Briefen Varnhagens nicht an Erwähnungen der verehrten Rahel, und der Kult um die verstorbene Gattin, der sich in seinem bereits 1833/34 veröffentlichten Erinnerungsbuch „Rahel: Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde“ noch lange nicht erschöpfen sollte, dürfte die Umworbene durchaus befremdet haben. Er trage immer Charlottes letzten Brief mit sich, schreibt er am 13. September 1839, so wie er das auch mit Rahel halte, und wenn die Lebende etwas schreibt, was er für außerordentlich klug hält, ist der Vergleich mit der Toten das höchste Lob: „Rahel hätte das nicht besser sagen können.“

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