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Vargas Llosa und die spanische Zensur : Der Geschmack der Bürokraten

Der Schriftsteller als junger Mann: Mario Vargas Llosa 1959 Bild: AFP

Autoritarismus, Verdruckstheit und Eiertanz, überstrahlt von einigen hellsichtigen Urteilen: Was sich zu den frühen Romanen des Literatur-Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa in den Akten der spanischen Zensurbehörde findet.

          3 Min.

          Dass alle in der Franco-Diktatur erschienenen Romane zensiert wurden, ist bekannt und nicht weiter verwunderlich. Viel weniger jedoch weiß man über die Mechanismen der spanischen Zensurbehörde. Wo lagen ihre empfindlichen Punkte, wie konnte sie überlistet werden? Eine große Recherche der Zeitung „El País“ über die Zensur der Werke des Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa hat jetzt offengelegt, welche Faktoren dabei eine Rolle spielten. Jeder Zensor - die Identität wurde im Amt mit Ziffern bezeichnet, und oft sind den Akten nur Vorname und Initial zu entnehmen - besaß seinen eigenen Geschmack, musste seine politisch-moralischen Kriterien mit literaturkritischen Erwägungen verrechnen und hatte mehr oder weniger strategisches Gespür. Auf der anderen Seite standen Autoren und Verleger, die zwar protestieren konnten, am Ende aber vom Votum der staatlichen Zensurbehörde in Madrid (Dirección General de Información) abhingen. Das Streichen, Kürzen und Verbieten, so die Erkenntnis, war ein komplexer bürokratischer Vorgang.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Sechs Werke Vargas Llosas, erschienen zwischen den späten fünfziger und späten siebziger Jahren, wurden den Experten zur Begutachtung vorgelegt. Das Debüt des Dreiundzwanzigjährigen, der Erzählband „Die Anführer“ (im Original 1959), kam noch glimpflich davon. Der junge Autor brauchte nur die angeblich „schlecht klingenden“ Wörter „maricón“ (Schwuler) und „puta“ (Hure) auszutauschen. Ernster wurde es, als der Verlag Seix Barral bei der Behörde vier Jahre später die Druckfahnen des Romans „Die Stadt und die Hunde“ einreichte. Leser Nummer 4 mit Vornamen Manuel empfiehlt ein Verbot wegen obszöner Beschreibungen, der Darstellung jugendlicher Verkommenheit und zahlreicher „Kraftausdrücke aus Kaserne und Bordell“. Da der Roman eng mit diesen Schauplätzen verknüpft ist, sieht die Sache schlecht aus. Der Verleger Carlos Barral erbittet eine zweite Prüfung. Leser Nummer 27 ist kaum gnädiger. „Unmoralische Literatur. Die häufigsten Wörter sind Scheiße, Eier, vögeln“, notiert der Zensor zu seinen Leseeindrücken. Es folgen detaillierte Streichvorschläge. Allgemein beklagt der Zensor häufige Anspielungen auf das Schwulsein, und damit sei „alles gesagt“.

          Eine ernste Warnung

          Doch Carlos Barral, Dichter, Schriftsteller und einer der bedeutenden Verleger der zweiten Jahrhunderthälfte, lässt sich nicht entmutigen. Er bittet den Ästhetik-Professor José María Valverde um Hilfe. Valverde ist ein Freund des Leiters der Zensurbehörde, Carlos Robles Piquer (der es nach Francos Tod bis zum Bildungsminister bringt), und gehört der Jury an, die dem Roman den Preis der Biblioteca Breve zugesprochen hat. Sollte es geschehen, dass ein in Spanien prämiertes Werk in Spanien nicht erscheinen darf? Valverde schreibt seinem alten Freund Sätze, die von großer Voraussicht zeugen. Es handele sich, so der Professor, um den besten spanischsprachigen Roman „der letzten fünfundzwanzig oder dreißig Jahre“. Die Kraftausdrücke darin seien gerechtfertigt, denn das Buch habe eine moralische Absicht, es zerstöre „den Mythos der Adoleszenz als eines goldenen, engelsgleichen Lebensalters“.

          Valverde bittet Robles Piquer, „Die Stadt und die Hunde“ selbst zu lesen, und schickt eine ernste Warnung mit: Der Roman lasse sich nicht gleichsam heimlich verbieten, weil seine literarische Qualität dem entgegenstehe: „Dieses Buch wird man nicht vergessen.“ Robles Piquer liest das Original und ist tief beeindruckt. Doch er hat ein Problem. Der Roman würde in Francos Spanien als antimilitärisch verstanden werden. Also bittet er Vargas Llosa zum Frühstück und erklärt ihm, dass ein wenig Weichspüler vonnöten sei, um das Buch veröffentlichen zu können.

          Der Autor akzeptiert, ändert acht Absätze ab und schreibt später in einem Brief an den Oberzensor, er habe damit eine Höflichkeitspflicht erfüllt, sei aber weiterhin gegen Zensur. „Das literarische Schaffen“, so der Siebenundzwanzigjährige, „muss eine vollständig freie Handlung sein, ohne andere Begrenzungen als jene, die dem Autor seine eigenen Überzeugungen vorgeben.“ Von der zweiten Auflage an lässt der Verlag stillschweigend die Urfassung drucken.

          Empfehlung: „behördliches Schweigen“

          Schon früh galt Mario Vargas Llosa in Spanien als wichtiger Autor, und die Startauflagen kletterten auf hunderttausend Exemplare. Der Gang zur Zensurbehörde wurde dadurch nur wenig leichter. Leser Nummer 12 hatte gegen „Gespräch in der Kathedrale“ (1969) einzuwenden, der Roman sei „marxistisch, antiklerikal, antimilitaristisch und obszön“, erkannte allerdings die hohe literarische Qualität und empfahl daher „behördliches Schweigen“. Im Fall von „Der Hauptmann und sein Frauenbataillon“ (1973) gerieten zwei Zensoren aneinander. Die Einrichtung eines Prostituierten-Service für die peruanischen Streitkräfte, mit der ein Hauptmann betraut wird, ist angesichts der offiziellen Moraldoktrin des Franco-Staats kein glückliches Thema. Der zweite Zensor wälzt das Problem auf die Justiz ab, die sich aber ihrerseits nicht entschließen kann, das Werk zu verbieten. Nur das freizügige Cover des Romans, den die Zensur als „pornographisch“ einstuft, muss ausgetauscht werden.

          Unterm Strich bleibt von dieser Akteneinsicht im Archiv der Behörde der Eindruck von Autoritarismus, von Verdruckstheit und Eiertanz, überstrahlt von einigen hellsichtigen Urteilen. Vargas Llosa selbst nimmt die Erinnerung an seine Anfänge als Romanautor in Spanien leicht. In Peru habe man seinen Roman „Die Stadt und die Hunde“ verbrannt, aber nicht verboten, und in Russland seien vierzig Seiten des Buches aus moralischen Gründen herausgenommen worden. Die Zensur in Spanien, so der Nobelpreisträger, sei letztlich unsinnig und anachronistisch gewesen - „eine Kontrolle, an die nicht einmal die Zensoren selbst glaubten“.

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