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Vargas Llosa über die Nobelpreisnachricht : Vierzehn Minuten der Besinnung

  • -Aktualisiert am

Mario Vargas Llosa am Tag der Nachricht in New York Bild: dapd

Gedanken nach einem Anruf in den frühen Morgenstunden: Mario Vargas Llosa über die kurze Zeit, die ihm blieb, sich in seiner New Yorker Wohnung auf den Literaturnobelpreis einzustellen.

          An jenem Tag stand ich, wie jeden Morgen, seit wir vor drei Wochen nach New York gekommen sind, um fünf Uhr auf und ging, bemüht, Patricia nicht zu wecken, in den kleinen Wohnraum, um zu lesen. Etwa eine Stunde später würde der Morgen dämmern und die ersten Lichtstrahlen den Hudson und die Ecke des Central Parks mit seinen Bäumen beleuchten, die der Herbst zu vergolden begann: ein wunderschönes Schauspiel, das mir der Ausblick unserer Wohnung im 46. Stock jeden Morgen schenkt.

          Der Tag war präzise durchgeplant. Zwei Stunden lang würde ich die Stunde für nächsten Montag in Princeton vorbereiten. Eine halbe Stunde Gymnastik für den Rücken, eine Stunde Laufen im Central Park, Zeitungen, Frühstück, Duschen und auf zur Public Library, wo ich meine Kolumne für „El País“ schreiben wollte – über den Selbstmord des jungen Violinisten und Studenten der Rutgers University, Tylor Clementi. Zwei homophobe Kommilitonen hatten ihn als schwul denunziert und ein Video ins Internet gestellt, in dem zu sehen ist, wie er einen Mann küsst.

          Die Magie des Romans „Das Reich von dieser Welt“, den ich in der nächsten Klasse behandeln wollte, und die mythische Verwandlung der ersten Unabhängigkeitsbestrebungen Haitis durch Alejo Carpentiers Prosa schlugen mich sofort in ihren Bann. Der allwissende, nicht in Erscheinung tretende Erzähler berichtet gebildet, gelehrt, barock und wohlgesetzt aus nächster Nähe von den Gefühlen des Sklaven Ti Noel, der an die Geister des Voodoo glaubt und daran, dass Hexenmeister wie Mackandal die Gabe der Lycanthropie besitzen, sich also, wenn sie wollen, in Tiere verwandeln können. Seit mindestens zwanzig Jahren hatte ich diese Geschichte nicht mehr gelesen.

          Die Nachricht stimmt: Vargas Llosa gibt erste Stellungnahmen zum Nobelpreis in New York

          Erinnerung an einen schlechten Scherz

          Plötzlich bemerkte ich Patricia. Sie kam zu mir mit dem Telefon in der Hand und einem Gesichtsausdruck, der mich erschreckte. „Etwas Schlimmes ist in der Familie passiert“, dachte ich. Ich nahm das Telefon und machte zwischen Pfeiftönen, Echolauten und elektrischem Zwitschern eine Stimme aus, die Englisch sprach. In dem Moment, als ich die Wörter „Swedish Academy“ verstehen konnte, brach die Verbindung ab. Wir sahen uns schweigend an, bis das Telefon wieder klingelte. Jetzt hörte ich gut. Der Anrufer sagte, er sei der Sekretär der Schwedischen Akademie, diese habe mir den Nobelpreis für Literatur verliehen und die Nachricht würde in vierzehn Minuten veröffentlich werden. Ich könnte sie im Fernsehen, im Radio und im Internet verfolgen.

          „Wir müssen Álvaro, Gonzalo und Morgana Bescheid geben“, sagte Patricia. „Warten wir lieber, bis es offiziell ist“, erwiderte ich und erinnerte sie an den schlechten Scherz, den ein paar Freunde, oder wohl eher Feinde, vor vielen Jahren Alberto Moravia spielten. Sie gaben sich als Mitglieder der Schwedischen Akademie aus und gratulierten ihm zum Nobelpreis. Er benachrichtigte die Presse – und die Nachricht stellte sich als geschmackloser Schwindel heraus. „Ja, das stimmt, diese Wohnung wird sich in ein Tollhaus verwandeln“, sagte Patricia, „vielleicht solltest du langsam mal duschen gehen . . .“

          Die Gedanken gehen zurück

          Anstatt genau das zu tun, blieb ich im Wohnzimmer und sah zu, wie sich die ersten Lichtstrahlen des New Yorker Morgens zwischen den Wolkenkratzern abzuzeichnen begannen. Ich dachte an das Haus in der Ladislao-Cabrera-Straße in Cochabamba, in dem ich meine Kindheit verbracht hatte, und an Pablo Nerudas Buch „Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung“, das meine Mutter in ihrem Nachttisch versteckt hielt – das erste verbotene Buch, das ich las. Ich dachte daran, wie sehr sie diese Nachricht, wenn sie denn wahr wäre, gefreut hätte. Ich dachte an die große Nase und die glänzende Glatze von Großvater Pedro, der Verse zu festlichen Anlässen schrieb und, wenn ich nicht essen wollte, der Familie erklärte: „Für den Dichter ist das Essen Prosa.“

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